Eine verhängnisvolle Affäre


Neulich ist mir wieder etwas komisches am Tage passiert.
Ich fuhr mit meiner Kollegin (der gleichen wie im letzten Post) Streife und bekam den Einsatz:

Fahren sie zur ABC-Straße, da wartet der Anrufer. Im Haus soll sich eine renitente Frau aufhalten, die dort nicht wohnt.

Da es noch nicht einmal 13:00 Uhr war, verwunderte uns ein solcher Einsatz doch etwas, da diese meist mit Alkohol im Zusammenhang stehen und der Genuss des gleichen zu dieser Uhrzeit zumindest nicht allgemein üblich ist.
Als wir in der angegeben Straße ankamen, lief auch schon ein wild gestikulierender junger Mann auf uns zu, der sich auch schnell als Anrufer herausstellte. Er wollte uns auch direkt in das Haus ziehen und machte einen recht verzweifelten Eindruck. Wir zogen es aber doch vor, zu wissen was uns erwartete.
Seine Schilderung der Situation sah folgendermaßen aus:
Er habe am Vorabend mit ein paar Freunden gefeiert und getrunken. Dabei habe er in einer Kneipe eine Frau kennen gelernt, die er natürlich auch gleich mit nach Hause genommen hatte. Die Frau habe bei ihm übernachtet und wolle jetzt das Haus nicht mehr verlassen und würde nun sogar die Nachbarn belästigen.
Hm, das klang jetzt aber doch etwas komisch. Also hakten wir noch einmal nach: „Was hat sich denn in der Nacht so abgespielt, dass die Dame jetzt so erzürnt ist?“, fragte meine Kollegin vorsichtig. „Also ich war total betrunken und die auch. Da ist gar nichts passiert und die hat meine Wohnung verwüstet!“, erwiderte der junge Mann. „Sind da außer dem Alkohol noch andere Drogen im Spiel gewesen?“, stocherte meine Kollegin noch etwas nach. „Nein, auf keinen Fall! Ich weiß natürlich nicht, was die so alles nimmt, aber ich habe mit Drogen nichts zu tun! Ich will nur, dass die jetzt endlich verschwindet!“. „Wie heißt die Dame denn?“, fragte ich, „Woher soll ich das denn wissen?“, war die nicht ganz so überraschende Antwort. „Es hätte ja sein können, dass sie sich unterhalten haben, bevor sie gemeinsam nach Hause gegangen sind.“, erwiderte ich leicht belustigt.
Jetzt betraten wir aber doch endlich das Mehrfamilienhaus. Der Anrufer hielt sich dabei schön hinter meiner Kollegin und mir.
Je höher wir in dem düsteren, muffigen Treppenhaus kamen, desto mehr Relikte der gemeinsamen Nacht der beiden tauchten auf. Hier hing ein BH über dem Treppengeländer, dort lag eine zerbrochene elektrische Zahnbürste, dann folgte ein Damenslip und auf den letzten Stufen sah es dann aus, als habe jemand einen Koffer dort ausgeschüttet.
Ich drehte mich zu dem jungen Mann um und fragte: „Dass die gute Frau mit ihrem gesamten Hausstaat in einer Kneipe war, hat ihnen aber nicht zu denken gegeben, oder?“. Er schaute etwas verschämt und antwortete nur: „Ich war echt betrunken.“. Ich verstand – Allohol macht Birne hohl!
Die letzte Treppe mussten meine Kollegin und ich allein bewältigen, da dem Aufreißer der Mut fehlte, seiner Eroberung vom Vorabend nochmals gegenüber zu treten.
Gespannt aber wachsam, die Hand zur Vorsicht am Pfefferspray, traten wir nun endlich seiner Heimsuchung gegenüber. Diese sah nun wirklich nicht ganz ungefährlich aus. Raspelkurze Haare, kräftige Oberarme, die natürlich tätowiert waren, das Ganze spärlich verhüllt mit einer Jeans und einem neongrünen BH. Alles in Allem kein erfreulicher Anblick, aber was am meisten überraschte, war die Tatsache, dass diese Frau etwa zwanzig Jahre älter als ihr nächtlicher Herbergsvater erschien. Sie gab ein Bild von einer in die Jahre gekommenen Techno-Maus her und begrüßte uns auch erleichtert mit: „Na endlich! Wie lange muss ich denn noch hier warten? Ich will endlich nach Hause!“. Diese Aussage verblüffte uns jetzt doch ein wenig, denn unser Hiersein resultierte ja aus ihrem angeblichen Unwillen, das Haus zu verlassen. „Ja warum gehen sie denn nicht einfach?“, fragte meine Kollegin. „Weil da noch Sachen in der Wohnung von dem Typen sind, die er mir nicht geben will!“, war die prompte Antwort. Darauf folgten noch einige weit weniger verständliche Sätze, denen wir nur entnehmen konnten, dass Techno-Liesl 47 Jahre alt war und am Vorabend wohl nur einen Platz zum schlafen gesucht hatte, da sie ihren Schlüssel nicht finden konnte. Der studentische Casanova sei dann mehr als zudringlich geworden, was sie aber gar nicht wollte. „Der hat mich auch unter Drogen gesetzt!“, erwähnte sie irgendwann beiläufig. Natürlich wurden wir dabei hellhörig: „Wie sah das denn aus?“, wollten wir wissen. „Der kam dauernd mit seinem Joint an. Ich habe mit Drogen gar nichts zu tun!“. Komisch, hier hatte angeblich keiner etwas mit Drogen zu tun, aber alle machten eine ziemlich bedröhnten Eindruck. „Na ja, er hat sie ja wohl kaum zum Rauchen gezwungen, oder? Also kann ja keine Reden von „Unter Drogen setzen“ sein.“, erklärten wir ihr. Beim Rauchen muss man schließlich ein gewisses Maß an eigener Aktivität voraussetzen.
Techno-Liesl bestand aber darauf, dass wir speziell nach ihrem überaus wichtigem Kalender in der Wohnung suchen sollten. Um ihre baldige Abreise herbei zu führen, teilten wir uns auf. Meine Kollegin übernahm die vermeidlich unangenehmere Aufgabe, mit der verwirrten Leichtbekleideten deren Sachen einzupacken, während ich mit dem Helden der Nacht dessen Wohnung begehen sollte.
Nachdem ich ihn an seiner nächtlichen Kontrahentin vorbei gelotst hatte, betraten wir sein Domizil. Grundsätzlich war diese Wohnung bestimmt mal ganz schön. Das war aber vor dem Einzug dieses Mannes gewesen. Als erstes strömte mir eine Melange von Alkohol, kaltem Zigarettenrauch und Urin entgegen. Leicht hüstelnd betrat ich den Schatten eines exklusiven Appartements, der sich sicher nach einem etwas häuslicheren Bewohner sehnte. Ich will hier nicht tiefer ins Details gehen. Nur so viel sei gesagt: Als mir der Aufreißer weismachen wollte, die Wohnung sehe erst seit seiner nächtlichen Heimsuchung so aus, war diese Ausrede geradezu lächerlich, weil absolut erlogen.
Natürlich fand ich den ersehnten Kalender nicht, obwohl ich gestehen muss, dass mein Engagement bei der Suche in diesem Feuchtbiotop begrenzt war.
Also teilten wir der Heimsuchung das erwartete Resultat mit und veranlassten sie, das Haus zu verlassen. Das gestaltete sich immer noch schwierig genug, denn auf jeder Etage gab es ja noch Gegenstände zum Einsammeln. Diese mussten dabei auch noch in trocken und nass sortiert werden, da die große Badewanne der Wohnung eine wohl nicht unwesentliche Rolle in den nächtlichen Betätigungen gespielt hatte.
Herr Student verzichtete auf eine Anzeige. Frau Techno-BH wurde mit ihren Anzeigen-Aluren auf einen nüchternen Zustand und eine Polizeiwache verwiesen. Bei ihrer Überprüfung war heraus gekommen, dass wir mit unserer Vorsicht ihr gegenüber genau richtig lagen. Sie hatte in der Vergangenheit schon des öfteren die körperliche Auseinandersetzung gesucht.
Dem Westentaschen-Charmeur riet ich noch, doch etwas mehr Obacht auf die Wahl seiner Gespielinnen zu haben. Er entschuldigte sich erneut mit den Worten: „Wir hatten echt viel Sambuca getrunken. Ich weiß auch nicht, was mich da getrieben hat.“. Auf jeden Fall war das wohl seine ganz persönliche verhängnisvolle Affäre.
Tja, das Fazit muss wohl heißen: Augen auf, nicht nur im Straßenverkehr!

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