Warum immer ich?


Vor ein paar Tagen versah ich Frühdienst für eine andere Wache. Meine Kollegin und ich hatten schon recht viel zu tun gehabt, als wir einen etwas undurchsichtigen Auftrag bekamen:

Bei der Leitstelle hatte ein Mann angerufen, der der deutschen Sprache scheinbar nicht mächtig war. Sein Englisch war hingegen so gut, dass die Kollegen Probleme hatten mitzukommen.
Was sie mitbekommen hatten, ließ sie aber doch unruhig werden. Der Mann sprach davon, dass seine beiden kleinen Kinder bei seiner Ex-Frau leben würden. Diese verweigere ihm seit der Scheidung den Umgang mit den Kindern. Nun lebe sie auch noch mit einem Moslem zusammen, was in seinen Augen ein Unding sei. Was die Kollegen noch meinten zu verstehen war, dass er seine Kinder „gewinnen“ wolle – Was immer das auch bedeuten soll.

Unsere Aufgabe sollte es nun sein, zu benannter Ex-Frau zu fahren und nach dem Rechten zu schauen. Die Kollegen hatten nämlich die Adresse der Frau, nicht aber ihre Telefonnummer herausbekommen. Die Leitstelle befürchtete, dass der Mann, der sich nach eigenen Angaben in einer anderen Stadt befand, versuchen könne, sich seiner Kinder widerrechtlich zu bemächtigen.

Als wir bei der Wohnanschrift der Frau eintrafen, mussten wir zunächst unsere Schritte sehr vorsichtig setzen. Das komplette Grundstück war in einem verwahrlosten Zustand. Überall waren Fahrräder, Spielsachen, Kühlschränke und anderer Unrat verteilt. Von Gartenpflege schien man hier nicht viel zu halten.

Nachdem wir uns zur Haustür vorgearbeitet hatten, stellten wir fest, dass dort vier Nachnamen auf sieben Personen verteilt auf ein selbst gebasteltes Schild, das einen Engel darstellte, geschrieben waren. Auf so etwas waren wir aber durch die Einwohnermeldeauskunft schon vorbereitet. Fünf der sieben Namen gehörten wohl zu Kindern und Jugendlichen.

Auf unser Klingeln wurde nicht reagiert, sodass wir uns das Haus von allen zugänglichen Seiten anschauten. Dabei fanden wir eine nicht verschlossene Kellertür. Dahinter trafen wir einen der besagten Jugendlichen an, der dort sein „Schlafzimmer“ hatte. Das nutzte er bis dahin auch gerade als solches, sprich er schlief bis zu unserem Eintreffen tief und fest. Der Junge stellte sich als einer der Stiefsöhne der Frau heraus. Er konnte uns aber leider nicht sagen, wo sich seine Stiefmutter aufhielt. Nichteinmal ihre Handynummer konnte er uns bieten.

Wir instruierten ihn also ausgiebig und verließen die Örtlichkeit zumindest mit der Festnetznummer der Frau.

Leider nahmen wir fälschlicherweise an, dass dies das Ende dieses Einsatzes sei. Weit gefehlt und kein Gedanke!

Als wir gerade einen anderen Einsatz bearbeiteten, klingelte mein Handy. Die Leitstelle hatte nochmal die Köpfe zusammengesteckt und festgestellt, dass der Anruf des Mannes ja über die Notrufleitung hereingekommen war. Also war seine Angabe, er befinde sich in einer anderen Stadt, offensichtlich eine Lüge gewesen.

So schickte man uns jetzt zu seiner Wohnanschrift. Diese Adresse kennt so ziemlich jeder Schutzmann im südlichen Teil der Stadt. Das Haus ist ein ehemaliges Kloster, von außen erhaben und wuchtig, von innen in winzig kleine Appartements aufgeteilt. In den insgesamt 170 Wohnungen lebt ein kompletter Querschnitt durch die Gesellschaft. Häufig sind das auch Menschen, die finanziell kurz vor der Obdachlosigkeit stehen.

Ich mag dieses Haus nicht besonders, denn es ist muffig, düster und wird von endlos wirkenden Gängen durchzogen. Innen ist von Charme, den das Haus äußerlich unbestreitbar hat, nichts mehr zu erkennen.

Wir fanden also am Klingelschild den passenden Knopf, bekamen aber auch hier keinerlei Reaktion auf unser Klingeln. Wir zogen ab und meldeten der Leitstelle erneut den Einsatz als beendet.

Kaum hatten wir uns wenig später auf der Wache eingefunden, um dort ein paar schriftliche Arbeiten zu erledigen, klingelte dort das Telefon. Die Leitstelle wollte mit einem von uns beiden sprechen. Da ich gerade direkt neben dem Wachtisch stand, nahm ich das Gespräch entgegen.

Die Kollegin der Leitstelle teilte mir mit, dass der Mann erneut angerufen habe und nun zu Hause sei. Er erwarte dort unseren Besuch, auch wenn wir immer noch nicht wussten, was er denn nun ausgerechnet von der Polizei wollte.

Wieder machten wir uns auf den Weg zu seiner Wohnanschrift. Diesmal wurde uns nach dem ersten Klingeln die Tür geöffnet. Wir folgten der Beschilderung, bis wir an der geöffneten Tür seines Appartements ankamen.

Auf unser Rufen antwortete uns zunächst niemand. Die Computerabfrage des Mannes hatte nichts Erwähnenswertes ergeben. Trotzdem waren wir wachsam.

Nachdem wir uns mehrmals als Polizeibeamte zu Erkennen gegeben hatten, hörten wir nur ein: „Come in!“. Na sauber, er schien wirklich nur Englisch zu sprechen! Trotzdem forderten wir ihn auf, doch zu uns zu kommen, da wir überhaupt nicht sehen konnten, was uns in diesem Wandschrank mit Nasszelle so erwartete.

Ich verzichte jetzt darauf, zwischen den Sprachen hin und her zu springen. Genau das passierte nämlich für den Rest des Einsatzes. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass der Mann durchaus Deutsch verstand, wenn man es langsam sprach. Er fühlte sich aber in seiner Muttersprache deutlich wohler und weigerte sich deshalb ständig, Deutsch zu sprechen.

Hier sei zum Verständnis noch erwähnt, dass der Mann aus Guyana kam. Ein Land, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte. Google sei Dank weiß ich aber nun, dass es auf dem südamerikanischen Kontinent liegt und zur Karibik gehört.

Der Mann, ich nenne ihn von nun an Pepe, was natürlich nicht sein Name ist, rief erneut: „Kommt rein!“. Ich erwiderte: „Uns wäre es lieber, wenn sie zur Tür kommen würden.“.

Das schien ihn sauer zu machen, denn er begann zu fluchen: „Scheiße, warum muss ich jetzt aufstehen und zur Tür kommen? Bin ich ein Scheiß Krimineller?“.

„Das können wir zur Zeit noch nicht beurteilen, aber sie wollten ja schließlich etwas von der Polizei, sodass es schon der Anstand gebietet, dass sie uns an der Tür begrüßen!“.

Das sah Pepe aber ganz anders! Mit Anstand hatte er zumindest zu dieser Zeit nicht viel am Hut. Widerwillig kam er aber dann doch aus dem Off. Ein kräftiger Bursche mit Brille und modischer Kleidung. Dazu gehörte eine weite Jeans, die schon jetzt recht weit unten hing. In den Taschen eben dieser Jeans hatte er beide Hände vergraben.

Ich forderte ihn auf: „Nehmen sie die Hände aus den Taschen, damit ich sie sehen kann.“. Meine Kollegin und ich standen links und rechts vom Türrahmen und hatten beide jeweils eine Hand an der Schusswaffe und eine am Pfefferspray.

Pepe schaute etwas verdutzt, kam der Aufforderung aber nach. „Weshalb haben sie denn bei der Polizei angerufen?“, fragte ich ihn. Er antwortete: „Ihr sollt mir helfen!“. „Dafür müssten wir aber erst mal wissen, wie diese Hilfe aussehen soll.“, versuchte ich ihm klar zu machen.

Nun wurde Pepe komisch. Er meinte: „Ihr müsst mir helfen. Ich habe ein Recht darauf. Ich will meine Kinder sehen.“. Dabei vergrub er erneut seine Hände tief in den Taschen und wirkte dadurch wie ein trotziges Kind. Als ich ihn jetzt noch aufforderte, mir seinen Ausweis zu geben, war bei Pepe alles vorbei: „Ich bin hier in meinem Haus! Ich muss niemandem meinen Ausweis geben. Sobald ihr die Grenze meiner Türschwelle überschreitet, müsst ihr euch an meine Regeln halten. Das ist mein Recht!“.

Diese gesetzliche Regelung war uns beiden natürlich neu, sodass wir uns nicht der Einhaltung dieser Regel verpflichtet sahen. „Sie geben uns jetzt bitte sofort ihren Ausweis! Eine Nichtherausgabe ihrer Personalien ist schon strafbar!“, klärte ich ihn auf.

Pepe drehte sich nun kurzerhand um, eilte zurück in sein Appartement und kehrte gleich darauf mit einem Netbook in der Hand zurück. Er richtete die eingebaute Webcam auf uns und wollte die Aufnahme starten, als ich ihm das Gerät auch schon aus der Hand geschnappt hatte und zuklappte.

Dabei war ich auch schon in die Wohnung vorgedrungen, was uns aber keinen Vorteil bringen sollte, denn das Appartement war nur minimal größer, als der Flur davor. Außerdem war der gesamte Raum mit Kleidungsstücken übersät, der Boden war mit Essensresten bedeckt und überall lagen mögliche Waffen in Form von Scheren und Messern herum.

Pepe war nun auf 180! „Ich werde euch auf YouTube veröffentlichen und auf CNN! Ich bin kein Scheiß Nigger, ich bin aus der Karibik. Ich lasse mich nicht so behandeln!“. Das sind wie gesagt die entschärften Übersetzungen seiner Worte. Ich neige in meiner Wortwahl weder zur Fäkalsprache, noch zum Rassismus.

Diesen meinte Pepe uns aber natürlich unterstellen zu müssen: „So könnt ihr die Scheiß Asiaten behandeln! Ich bin Christ! Macht so was mit den Moslems! Ich bin kein Terrorist wie die!“.

„Sie sind sich aber schon im Klaren darüber, dass wir hier sind, weil sie uns angerufen haben, oder? Also achten sie auf ihre Äußerungen und sagen sie uns endlich, was sie von uns wollen!“, ich verlor langsam die Geduld mit Pepe.

Pepe ging jetzt richtig ab: „Ich will, dass ihr mich beschützt!“, sagte er und kramte vom Sofa eine Dokumentenhülle mit Papieren und zwei zerbrochenen Brillen hervor. Ich erkannte den Briefkopf der hiesigen Universitätsklinik. „Wo wart ihr, als ich zusammengeschlagen wurde? Warum habt ihr mich da nicht beschützt?“, spuckte er mir schon fast entgegen. Ich überflog die Papiere, die mir zeigten, dass die Vorfälle schon einige Zeit zurück lagen.

„Um diese Dinge geht es doch jetzt wohl kaum. Wenn sie wissen, wer sie verprügelt hat, können sie jederzeit auf jeder Polizeidienststelle Anzeige erstatten. Also warum haben sie heute die Polizei angerufen?“.

Jetzt kam Pepe mir bedrohlich nah, sodass ich ihn aufforderte, wieder zurück zu treten.

„Verlasst sofort mein Haus! Ich will euch Rassisten nicht hier haben!“, er war jetzt so in Rage, dass ihm in diesem Zustand alles zuzutrauen gewesen wäre. Sein Blick wurde starr und er kam entschlossen auf mich zu. Meine Kollegin wollte ihn an der Schulter zurückhalten, aber er schüttelte die Hand einfach ab. Ich hatte inzwischen mein Pfefferspray in der Hand und hielt es ihm direkt vor die Nase: „Weißt du was das ist? Das ist Pfefferspray und ich hoffe, dass du nicht ausprobieren willst, wie es wirkt!“. Pepe lächelte plötzlich. Sein Blick veränderte sich so krass, dass man hätte meinen können, einem anderen Menschen gegenüber zu stehen. Er griff nach seiner Jacke, die auf einem Sessel lag und holte daraus seinen Pass hervor. Er gab ihn mir wortlos und in diesem Augenblick veränderte sich seine Mimik erneut. Diesmal sah er plötzlich sehr traurig aus. Er wandte sich wieder dem Sofa zu und holte einen Umschlag hervor, dem er zwei großformatige Fotos entnahm. Diese zeigten seine Kinder. Zwei wirklich süße Kleinkinder, bei deren Anblick die Tränen über seine Wangen liefen. Er war jetzt auf einmal total niedergeschlagen: „Ich will nur meine Kinder sehen. Nächsten Monat gehe ich zurück in die Karibik und muss meine Kinder hier zurücklassen. Ich will nicht, dass sie eines Tages fragen: Wo ist Papa? Ich habe keine Kraft mehr. Wenn ich nicht mehr weiter weiß und niemanden zum Reden habe, rufe ich halt manchmal die Polizei an.“.

So sehr ich auch sein Problem verstand, so wenig konnte ich ihm allerdings auch dabei helfen: „Es tut mir zwar Leid, aber das ist kein Fall für die Polizei! Sie müssen das mit einem Anwalt zusammen klären.“, sagte ich zu ihm. „Ich habe fünf Anwälte!“, erwiderte er nun schon wieder etwas schroffer. Dann holte er aus seiner Sofa-Ablage erneut ein Schreiben hervor. „Hier, das heißt doch, dass ich meine Kinder jetzt sehen darf. Also fahren sie mit mir dahin, damit ich meine Kinder sehe!“.

Ich las den Brief vom Gericht, der besagte, dass der zuständige Richter das Verfahren neu eröffnen würde, wenn Pepe’s Ex-Frau ihm nicht ein umfangreiches Besuchsrecht einräumen würde. Pepe schien vor Gericht eine bessere Figur gemacht zu haben als jetzt vor uns.

„Leider heißt das nicht, dass sie sich das Besuchsrecht jetzt einfach erzwingen dürfen. Sie müssen das mit ihrem Anwalt klären. Ohne richterlichen Beschluss kann ihnen die Polizei nicht helfen!“.

Pepe sah sich jetzt wohl wieder in einer ausweglosen Situation. Seine Züge verhärteten sich wieder und er sagte: „Ich bin darüber krank geworden. Hier, ich war schon dort in Behandlung!“, mit diesen Worten zeigte er mir einen Terminzettel der örtlichen psychiatrischen Klinik. Das erhellte natürlich die Angelegenheit etwas. „Haben sie denn da auch Medikamente verschrieben bekommen?“, fragte ich ihn. „Ja, die kann ich mir aber nicht leisten! Ich habe nur die hier…“, sprach’s und nahm eine Packung Tabletten von seinem Sofa-Aktenschrank, drückte eine Pille heraus und steckte sie in den Mund.

„Halten sie das für eine gute Idee? Sie haben doch offensichtlich auch Alkohol getrunken.“, gab ich ihm zu bedenken. „Ich habe nur fünf Flaschen Bier getrunken!“, antwortete er. Stimmt, das war natürlich im Zusammenspiel mit Psychopharmaka nicht weiter erwähnenswert!

„Sind die Ärzte in der Klinik nicht die besseren Ansprechpartner für sie als die Polizei?“, fragte ich ihn. Er schaute mich jetzt schon fast verschmitzt an und holte ein Handy hervor. „Ich rufe jetzt meine Arzt an.“, teilte er mir mit. Das hielt ich durchaus für eine gute Idee. Meine Kollegin und ich hatten inzwischen eigentlich schon Feierabend und dieser Einsatz schien nirgendwohin zu führen. Sie stand auch zur Tatenlosigkeit verurteilt in ihrer Sicherungsposition, da sie nach eigenen Angaben die englische Sprache nicht so gut beherrschte. So war sie denn auf Gestik und Mimik und gelegentlichen Augenkontakt zu mir angewiesen, um die Lage zu beurteilen.

Pepe hatte inzwischen seinen Arzt erreicht, was mich nach meinen Erfahrungen mit Ärzten sehr verwunderte. Er stellte das Handy auf Mithören und erzählte dem Arzt, dass die Polizei in sein Haus eingedrungen sein und jetzt nicht mehr gehen wolle. Der Arzt war anscheinend mit Pepe’s Fall vertraut, denn er glaubte seine Schilderungen nicht. Als Pepe darauf beharrte, bestand der Arzt darauf mit einem von uns zu sprechen. Da ich ja schon die ganze Zeit das Reden übernommen hatte, nahm ich jetzt auch das Handy entgegen. Der Arzt schilderte mir kurz die Probleme, die Pepe hatte. Dabei ließ ich diesen natürlich nicht aus den Augen, denn als ich mich kurz einmal abwandte, musste mich meine Kollegin warnen, dass Pepe mir auf die Pelle rücken und nach meiner Waffe greifen wollte. Das tat er wohl in betont unauffälliger, lässiger Manier. Von da an ließ ich ihn keinen Augenblick mehr aus den Augen, denn er war unberechenbar.

Während der Arzt mir erklärte, dass er eine Stationäre Aufnahme von Pepe für unumgänglich hielt, trieb dieser seine gefährlichen Spielchen weiter. Mit einem Lausbubengrinsen im Gesicht fragte er mich immer wieder: „Kann ich deine Pistole sehen?“. Dabei kam er jedes Mal auf mich zu und griff wie zum Spaß nach meinem Holster. Ich hingegen fand das in keiner Weise spaßig, sodass ich, als Pepe auch noch anfing, die Kollegin in ähnlicher Weise anzugehen, das Telefonat beendete, nachdem ich mit dem Arzt die Einweisung abgesprochen hatte.

Jetzt hätte alles schnell gehen können, denn ich hatte einen erwiesenermaßen kranken Menschen, einen Arzt, der dies attestierte und eine bedrohliche Situation. Für mich war klar, dass ich nur noch einen Rettungswagen nebst Einweiser der Feuerwehr bestellen müsste und schon wäre dieser Einsatz beendet und der wohlverdiente Feierabend könne beginnen. Auch das sollte sich als schwerer Irrtum herausstellen.

Ich rief die Leitstelle an, um die besagten Maßnahmen zu fordern. Auch die Kollegen dort teilten jetzt noch meine Ansicht. Pepe hingegen verstand ja wie gesagt viel mehr Deutsch, als er zugeben wollte. Er hatte wohl etwas von Rettungswagen und Klinik gehört und messerscharf daraus geschlossen, dass dies auf ihn bezogen war. „Ich gehe in keine Scheiß Klinik! Ich bin nicht verrückt! Ich war amerikanischer Soldat, ich könnte euch fertig machen! Raus aus meinem Haus! Ich habe einen Fehler gemacht, als ich euch angerufen habe!“, schrie er mir wütend entgegen.

Nun war es an der Zeit, Pepe offiziell mitzuteilen, dass er zwangseingewiesen würde. Dies tat ich so schonend ich konnte, nicht ohne immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Maßnahme zu seinem Besten sei. Sowohl der Arzt als auch ich waren besorgt, wegen der Medikamente im Zusammenspiel mit dem Alkohol.

Pepe sah das ganz anders: „Ich habe doch nur ein paar Bier getrunken! Sie können mich doch nicht gegen meinen Willen aus meinem eigenen Haus holen!“. Ich erklärte ihm, dass wir das sehr wohl konnten und auch tun würden. Das brachte ihn so in Zorn, dass er eine angriffslustige Haltung einnahm und mich wieder herablassend anblickte: „Wer soll mich denn hier raus bringen? Du etwa, oder sie?“, dabei deutete er mit dem Kopf in Richtung meiner Kollegin. Pepe war zwar ein paar Zentimeter größer als ich, aber an Gewicht konnte er es nicht mit mir aufnehmen. Außerdem war ich nicht durch Alkohol und Medikamente beeinflusst, sodass ich dem ganzen zwar vorsichtig aber zuversichtlich entgegen sah. „Wir können das jetzt auf die einfache Art haben, indem sie freiwillig mitkommen und sich helfen lassen. Die Alternative ist, dass wir sie mit Zwang mitnehmen, sie vermutlich Schmerzen haben werden und ihr Aufenthalt in der Klinik sich dadurch bestimmt nicht verkürzen wird. Noch haben sie die Wahl, wie sie mitgehen. Sie haben aber nicht die Wahl, ob sie mitgehen!“, teilte ich ihm ruhig mit. Innerlich war ich aber doch recht angespannt, denn körperlich konnte dieser Mann durchaus ein Problem werden. Besonders, wenn das mit der militärischen Ausbildung stimmte.

Pepe war nun vollends verwirrt. Ich nutzte diese Verwirrung, dirigierte ihn zusammen mit der Kollegin an die Tür und wollte ihn durchsuchen. Das ist absolut üblich, da wir dafür sorgen müssen, dass die Rettungskräfte nicht auf einmal mit Waffen konfrontiert werden. Pepe fand das nicht so selbstverständlich und er fing an, sich zu wehren. Wir waren aber darauf gefasst und hatten ihm schnell die Arme auf den Rücken gedreht und die Handfessel angelegt. Ich arretierte sogar die Fesseln, sodass sie sich nicht weiter zusammenziehen konnten, wenn man an ihnen zerrte.

Genau das machte Pepe jetzt erst mal ausgiebig. Er war verständlicherweise jetzt sehr aufgebracht. Um ihm weniger Raum zum Wüten zu geben, stellten wir ihn in den engen Flur in eine Ecke vor dem Badezimmer. Pepe drehte jetzt richtig auf: „Ihr seit Nazis! Du bist Hitlers Frau!“, rief er in die Richtung meiner Kollegin. Dann ging er wieder zum leisen Ton über und sagte leicht lallend: „Wisst ihr, ich bin so lange in Deutschland und ich habe nicht viel Glück gehabt. Ich habe keine Familie, keine Kinder und Deutschland war nicht gut zu mir. Wenn ich in die Karibik zurück komme, werde ich einen Dschihad ausrufen und alle Deutschen töten, die ich finde. Ich werde alle Touristen abschlachten, sie als Sniper aus dem Gebüsch abknallen, sobald ich erfahre, dass es Deutsche sind!“. Na das war doch mal eine Aussage, die die Zwangseinweisung nochmal extra rechtfertigte. Wir gingen aber nicht weiter auf diese Drohungen ein, denn das erschien uns beiden sinnlos. Pepe schwang jetzt vollends auf den Pfad des Wahnsinns ein. Er schaute mich an und sagte ganz langsam und leise zu mir: „Warum erschießt du mich nicht einfach? Schieße mir einfach zwei Kugeln in den Kopf. Eine reicht vielleicht nicht. Du würdest mir einen großen Gefallen tun. Wir schließen einfach die Tür, sodass deine Kollegin nichts sieht und wenn die Tür wieder aufgeht, bin ich tot!“. Mir ging zwar sein Gerede auf die Nerven, aber dann doch nicht so sehr, dass ich dieser Aufforderung nachgekommen wäre. Pepe ließ aber nicht locker. Er bettelte weiter und ich schaute immer häufiger auf die Uhr, da mir die Zeit bis zum Eintreffen der Feuerwehr ganz schön lang wurde.

Irgendwann wurde es dann Pepe wohl selbst zu bunt und er schwang wieder in eine andere Richtung. Nun wollte er unbedingt schlafen. Da wir ihn nicht wieder in den Wohn-/Schlafraum zurück lassen wollten, sagte ich ihm, er solle sich doch auf den Boden setzen. Das tat er dann auch.
Nun klingelte mein Handy erneut. Ich hatte an diesem Tag kein dienstliches Handy dabei. Inzwischen hatte wohl halb Münster meine private Telefonnummer, denn nun rief mich der behandelnde Arzt nochmals an. Er hakte nochmal nach, welche Tabletten Pepe genommen hatte und in welcher Dosierung. Pepe gab Auskunft darüber und der Arzt war hörbar erschrocken, denn die Dosierung war wohl deutlich zu hoch. Er unterstrich nochmals seine Befürwortung der Einweisung und verabschiedete sich. Das Gespräch war auch etwas schwierig geworden, weil Pepe inzwischen angefangen hatte, lauthals nach Hilfe zu rufen.

Wir warteten also weiter, um zwischenzeitlich immer wieder mit der Leitstelle zu telefonieren, wo denn bitte der Rettungswagen bliebe? Man versicherte uns jedes Mal, dass dieser unterwegs sei. Beim letzten dieser Telefonate hörten wir dann, dass der Einweiser erst mal allein zu uns kommen würde. Na prima! Da wir keine Kranken transportieren dürfen und der Einweiser bestimmt Pepe nicht in seinem PKW mitnehmen wollte, bedeutete das eine weitere Verzögerung. Schließlich musste der RTW dann ja bei der sicheren Einweisung Pepe’s nach geordert werden.

Pepe wurde ob der Warterei auch immer ungeduldiger. Er lag nun in seinem Flur und versuchte durch den Wohnungstürspalt nach draußen um Hilfe zu rufen. Die Schritte auf dem Gang entfernten sich dadurch aber immer nur noch rascher. Offensichtlich hatte Pepe hier nicht viele Freunde im Haus. Nun klingelte erneut mein Handy und der Sachbearbeiter des zuständigen Kriminalkommissariats war in der Leitung. Er kannte Pepe und gab mir noch ein paar Hinweise. Unter anderem hatte Pepe wohl auch schon geäußert, dass er sich seine Kinder mit einem Messer holen wolle. Außerdem hatte er in letzter Zeit damit geprahlt, eine Schusswaffe zu besitzen. Alles keine Nachrichten, die zu unserer Entspannung dienten.

Pepe hatte angefangen, sich während der Telefonate ständig auf meine Füße zu rollen. Ich rollte ihn wieder zurück und das Spiel begann von vorne. Leider konnte ich in dem Mini-Flur nirgendwohin ausweichen. Endlich traf der Einweiser ein. Ich rollte Pepe, der jetzt quasi als Türstopper fungierte, zur Seite und ließ den Kollegen Feuerwehrmann ein. Dieser sah auch recht skeptisch auf Pepe herab. Nachdem ich ihm kurz erzählt hatte, was vorgefallen war, wollte er mit Pepe sprechen. Dieser forderte aber zunächst, dass man ihm die Handfesseln abnehmen solle. Der Feuerwehrmann war jetzt schon sehr irritiert, denn Pepe sprach auch mit ihm kein Deutsch. Um die Lage aber etwas zu entspannen, einigten die beiden sich darauf, das ich Pepe die Handfesseln abnehmen würde, er dafür aber sitzen bliebe.

Wenn der Einweiser geglaubt hatte, jetzt mit Pepe ein Gespräch zustande zu bekommen, hatte er sich geschnitten. Pepe jammerte ihm die Ohren voll, seine Hände wären wegen der Fesselung fast abgestorben, bezeichnete mich als KZ-Aufseher, der ihm ins Gesicht getreten hätte und fragte ungefähr fünfmal nach, wer denn jetzt der Einweiser wieder sei. Die Situation schien für diesen etwas viel zu sein. Er ließ sich von Pepe die gleichen Papiere vor die Nase halten, die ich auch schon gesehen hatte. Dann rief Pepe einen seiner Anwälte an und schilderte diesem, dass gerade sieben bis acht Polizisten seine Wohnung gestürmt hätten und ihn nun gegen seinen Willen mitnehmen wollten. Zumindest der letzte Teil traf ja auch zu. Diesmal redete meine Kollegin mit dem Anwalt und erklärte ihm die Situation. Daraufhin riet der Anwalt seinem Mandanten erst mal mit uns zu gehen und abzuwarten, bis die Geschichte mit dem Arzt geklärt sei. Pepe war davon natürlich gar nicht angetan. Er rief nun noch einen Freund an, wo er doch gerade das Telefon in der Hand hatte. Diesen forderte er nun auf, sofort zu ihm zu kommen, da er gerade von der Polizei mit Gewalt entführt werde. Da der Einweiser keine Anstalten machte, nahm ich Pepe das Handy ab und gab mich als Polizeibeamter zu erkennen. Ich fragte, wer denn da am anderen Ende sei und der Mann sagte mir auf Deutsch, dass er ein Bekannter sei. Er fragte mich auch, was Pepe denn wieder angestellt habe? Ich antwortete ihm, dass ich ihm das natürlich nicht sagen dürfe, aber er solle bitte nicht auch noch hier auftauchen. Das versprach Pepe’s Freund und verabschiedete sich mit den Worten: „Der Junge ist nicht ganz richtig. Der ist krank im Kopf!“. Ach! Mach Sachen!

Der Einweiser hatte inzwischen erneut mit dem Arzt in der Psychiatrie gesprochen. Welch Überraschung, dass dieser ihm auch zur Einweisung riet. Also beschloss Kollege Feuerwehr, genau das zu tun, was wir die ganze Zeit gewollt hatten. Wir sollte Pepe jetzt raus bringen und er würde dann über Funk einen RTW bestellen. Sein Handy funktionierte nämlich anscheinend nur nach dreistündiger Anbetung.

Also sorgten wir dafür, dass Pepe Schuhe anzog, dachten auch daran, dass er eine Jacke brauchen würde, packten seine Papiere, seine Geldbörse, seine Medikamente und sein Handy ein und gingen mit ihm vor das Haus. Pepe meinte inzwischen wieder Spielchen mit uns spielen zu müssen. So fragte er mich noch im Hausflur: „Wenn ich jetzt weg renne, erschießt du mich dann?“. Als ich dies verneinte schaute er schon fast enttäuscht drein.

Am Streifenwagen angekommen bedeutete ich Pepe, er solle sich an die Motorhaube stellen. Der Einweiser ging zu seinem Wagen, um den RTW anzufordern. Als er zurückkehrte, hatten wir Pepe inzwischen schon wieder gefesselt und auf die Motorhaube gedrückt, denn es war uns beiden zu blöd geworden, bei seinen Kinderspielen mitzumachen. Als er versuchte an uns vorbei wegzulaufen, hatten wir ihn kurzerhand wieder fixiert.

Nachdem der RTW zunächst an uns vorbei gefahren war, traf er dann doch noch ein. Als die Besatzung ausstieg, fragte mich Pepe: „Kannst du mich bitte losmachen, damit ich die Leute umbringen kann?“. Ich gab die Frage an einen der Sanitäter weiter und dieser bat darum, die Frage abschlägig zu beantworten.

Ich hatte natürlich das Vergnügen, mit Pepe im Rettungswagen mitzufahren. Die RTW-Besatzung verzichtete komplett darauf, uns hinten Gesellschaft zu leisten. Ich war also die ganze Fahrt allein mit unserem Sorgenkind. Allein während der viertelstündigen Fahrt, wechselte Pepe’s Stimmung mindestens fünfmal. In einem Moment war er wieder der Wütende, im nächsten Moment fragte er mich, ob ich auch Kinder hätte und wie ich denn nachts ruhig schlafen könne, wenn ich anderen Menschen so was antäte. Einer seiner Aussprüche war: „Du hast kein Herz!“.

Ich versuchte ihn zu beruhigen und sagte ihm, er solle die Hilfe annehmen, die ihm geboten würde. Außerdem solle er den Alkohol aus dem Körper lassen, solange er Medikamente schlucke. Ich riet ihm auch, dem Arzt gegenüber keine Scherze zu machen, die in Richtung Dschihad und so weiter gingen. So würde er bestimmt nicht in absehbarer Zeit die Klinik verlassen. Pepe wurde auch immer ruhiger und nachdenklicher.

Als wir endlich ankamen, redeten wir kurz mit Pepe’s behandelnden Arzt. Pepe war immer noch nicht überzeugt, dass er hier bleiben müsse. Der Arzt überzeugte ihn, wenn auch nur schwer. Auf der Fahrt zu der Station, wo Pepe aufgenommen werden sollte, bat er mich noch: „Bitte erzähl nicht, dass ich deine Waffe klauen wollte. Das war nur ein Scherz, ehrlich.“. Ich erwiderte: „Das war aber ein sehr gefährlicher Scherz! Ich hätte ja auch viel nervöser regieren können!“. Pepe nickte darauf nur verstehend.

Nachdem ich dem Stationsarzt die ganze Geschichte erzählt hatte, verabschiedete ich mich von Pepe. Dieser fragte mich, was ich erzählt habe. Ich antwortete ihm, dass ich nur die Wahrheit gesagt habe und dass ich die Sache mit meiner Waffe als schlechten Witz interpretiert hatte. Pepe sah mich ehrlich dankbar an. Er gab mir die Hand und meinte: „Kann ich dich anrufen und dir erzählen wie es gelaufen ist?“. Ich antwortete: „Nimm es mir nicht übel, aber meine Privatnummer bekommst du nicht. Die haben mir seit heute eh schon zu viele Leute. Du kannst aber gerne auf der Wache anrufen.“. Pepe bedankte sich und meine Kollegin und ich verließen, gefolgt von der RTW-Besatzung die Station. Hinter uns scherzte diese auf der Treppe: „Ja, ja, die Kollegen von der Polizei haben aber auch Nerven wie Drahtseile!“. Ich erwiderte nur: „Ja, aber nur bis wir selbst hier landen!“.

Ein Kommentar zu „Warum immer ich?

  1. Geschrieben von M. Gernhardt 03 Mär, 2010 13:42:03

    WOW! Eine tolle Geschichte.

    Es ist echt Wahnsinn, womit Ihr Euch herumschlagen müsst, ich bin immer wieder fassungslos vor Euren Erfahrungsberichten.

    smiley

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