Muss das denn sein?


Da bin ich gerade den zweiten Tag im Dienst und fahre gerade das erste Mal wieder Streife, da passiert mir doch tatsächlich auch mal außerhalb des Nachtdienstes etwas Seltsames.

Meine Kollegin und ich befuhren gerade eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, da fiel uns vor uns ein Fahrzeug auf, das auf der rechten Spur am Straßenrand stand, die Beifahrertür geöffnet, eine Handtasche lag auf dem Radweg neben dem Auto und darum herum verschiedene Packungen Chips, Süßigkeiten und Getränke.
Weder meine Kollegin noch ich, konnten uns zunächst einen Reim darauf machen. Wir waren aber beide neugierig genug, um nicht einfach die Spur zu wechseln und das Ganze zu ignorieren.
Während ich den Streifenwagen noch hinter dem Auto zum Stehen brachte, tauchte auf einmal eine Frauenhand aus der geöffneten Beifahrertür auf, die uns heran zu winken schien. Als meine Kollegin daraufhin die Tür öffnete, hörten wir noch: „Bitte komm, Hilfe!“.
Nun wurden wir aber wirklich schnell. Meine Mitstreiterin sogar noch schneller als ich, denn sie erreichte als Erste die Beifahrertür. Mein Weg zum Auto wurde noch von einem hilfsbereiten Mitarbeiter des ASB unterbrochen, der mit seinem Kollegen zufällig in einem Krankentransportwagen hinter uns angehalten hatte und nun seine Hilfe anbot. Leider konnte ich ihm noch gar nicht sagen, ob seine Hilfe von Nöten sein würde.
Meine Streifenführerin hatte inzwischen Kontakt zu den Fahrzeuginsassen aufgenommen. Ich kam gerade hinzu, als sie die Beifahrerin, die offensichtlich die Besitzerin der Handtasche war, gerade aus dem Auto bat und den Fahrer aufforderte, den Motor abzustellen.
Ich trollte mich also auf die Fahrerseite, wobei ich meinen Allerwertesten doch sehr gefährdet durch den fließenden Verkehr sah, und nahm den Fahrer in Empfang. Ohne zu wissen, was denn nun passiert war, spulte sich die Routine ab und ich manövrierte den Mann auf den Gehweg und somit aus der Todeszone Fahrbahn.
Da die Frau bei meiner Kollegin offensichtlich geweint hatte, hielt ich es für ratsam, die beiden Personen erstmal zu trennen.
Während ich nun den Mann etwas zur Seite nahm, rief mir meine Spannfrau zu, dass der Mann die Frau geschlagen haben soll.
Als ich dies dem so schwer Beschuldigten vor hielt, antwortete er nur: „Das ist normal. Das ist meine Frau. die erzählt immer sowas.“. Auf die leicht blutende Lippe seiner Frau angesprochen, erzählte er folgende Geschichte:
Er sei mit seiner Frau im Auto in Streit geraten. Seine Frau wäre dann wie immer ausgerastet und habe auf ihn eingeschlagen. Als sie während der Fahrt die Beifahrertür geöffnet habe, legte er eine Vollbremsung hin. Dabei müsse sie mit der Lippe irgendwo gegen gestoßen sein.
Diese Schilderung, gedachte er mit einer kleinen, blutenden Verletzung am rechten Ohrläppchen zu untermauern.
Seine Frau erzählte derweil ihre Version der Geschichte:
Man sei gerade beim MediaMarkt gewesen, um für die Tochter einen Fernseher zu kaufen. Leider wurde die Finanzierung abgelehnt und so sei man im Auto in Streit geraten. Da Sie vorschlug, sich den Preis des Gerätes zu teilen, sei ihr Mann so in Rage geraten, dass er ihr mit dem Ellenbogen ins Gesicht gestoßen habe.
Meine Kollegin fragte, ob sie den daraufhin ihren Mann auch geschlagen habe? Die Antwort war doch etwas verblüffend: „Ja natürlich!“. Leicht irritiert erwiderte meine Kollegin, dass es wohl kaum natürlich sei, in einem fahrenden Auto aufeinander einzuschlagen, besonders wenn einer der Kontrahenten der Fahrer sei!
Beide beharrten auf der jeweiligen Version der Geschehnisse. Für uns also vor Ort nicht lösbar. Selbst, als die Kollegin die Nochehefrau darauf hinwies, dass es doch recht unwahrscheinlich ist, dass ihre Verletzung wie von ihr geschildert entstanden ist, lenkte niemand ein. Frau Beifahrerin hatte nämlich ihre „Wunde“ fast schon im rechten Mundwinkel, also auf der, dem Fahrer abgewandten Seite. Für einen Ellenbogen, der auch noch an der Lenkung eines Autos beteiligt sein sollte, sehr schwer zu erreichen.
Zur Krönung dieser Groteske, verzichteten beide Eheleute natürlich auf einen Strafantrag! Das ließen wir uns aber durch Unterschrift bestätigen, damit uns das später auch jemand glaubt.
Wir schickten die beiden Streitenden daraufhin in verschiedene Richtungen.
Die Anzeige, die wir natürlich trotzdem schreiben mussten, ist selbstverständlich nicht das Papier wert, auf dem sie ausgedruckt wurde, aber dieses Schicksal teilt sie leider mit immer mehr Vorgängen, die wir schreiben.

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