Ein Bulle in der Türkei


Diesmal möchte ich mal keine dienstliche Erfahrung erzählen, sondern meine Erlebnisse aus meinem diesjährigen Urlaub in der Türkei aus Sicht eines deutschen Polizeibeamten schildern.

Meine Erfahrung mit dem türkischen Straßenverkehr begann schon auf der Busfahrt vom Flughafen zum Hotel. Ich ließ die für mich komplett neuen Eindrücke dieses Landes nichts ahnend auf mich wirken, als wir rechts von einem – nun ich denke es sollte ein Motorroller sein – überholt wurden. Dieser Roller war mit DREI Personen besetzt! Offensichtlich fand hier gerade ein Familienausflug statt, denn vorne saß der Vater, hinter ihm wohl die Mutter, die das Kleinkind von ca. 6 Jahren unter den Arm geklemmt hatte. Anders kann ich diese Haltung wirklich nicht beschreiben. Dabei saß die treu sorgende Mutter im „Damensitz“ auf der Sitzbank, also beide Beine zur linken Fahrzeugseite herabhängend. Den einzigen Helm der Combo hatte der Vater zwischen seinen Füßen auf dem Trittbrett liegen.

Beim Anblick dieses Gespannes musste ich kurz schlucken, die Augen schließen und mir immer wieder gedanklich sagen: „Du bist im Urlaub, du bist im…!“.

Wir setzten unseren Weg fort, wobei ich noch viele solcher Familientransporte erblickte.

Als wir einen Zwischenstopp an einem anderen Hotel einlegten, machte ich den Fehler, mir die Füße vertreten zu wollen und den Blick dabei auf den Zustand unseres Busses zu richten.

ALLE Reifen des Fahrzeuges hätten Michael Schuhmacher zu Zeiten, als in der Formel 1 noch Slicks erlaubt waren, richtig Freude gemacht. Mein Sicherheitsgefühl war indes für den Rest der Fahrt erheblich getrübt. Wieder half mir mein neu erfundenes Mantra „Du bist im…“.

Während unseres Aufenthaltes in der Türkei benutzten wir zweimal den hoteleigenen Shuttlebus in unseren Urlaubsort. Dieser war schon recht betagt fuhr aber immerhin unter einem guten Stern. Der Aufbau auf dem Dach ließ auf eine Klimaanlage hoffen. Die mochte es vielleicht auch gegeben haben, benutzbar war sie offenbar aber nicht. Um dieses Manko auszugleichen und die Passagiere zumindest nur medium zu grillen, ließ der Fahrer kurzerhand die Bustür geöffnet. Da auf dem Weg in den Ort eine dauerhafte Kontrollstelle der örtlichen Polizei eingerichtet war, wurde kurz vor dieser Stelle und immer wenn ein Streifenwagen in Sicht kam die Tür geschlossen. Sobald man den Sichtbereich verließ, öffnete der Fahrer die Tür wieder und ließ den erfrischenden Fahrtwind und die Abgase in den Innenraum.

Für ein Wochenende hatten wir uns ein Auto gemietet. Bei unseren Fahrten damit kristallisierten sich folgende Grundregeln heraus:

1. Rettungskräften und Polizei ist Platz zu machen, wenn es sich irgendwie einrichten lässt.

2. Taxis ist in jedem Fall Platz zu machen, da man sonst mit dichtem Auffahren und sogar Abdrängmanövern zu rechnen hat.

3. Jeder darf solange auf der linken Spur fahren, bis er von einem Lastwagen von dieser vertrieben wird.

4. Vorgeschriebene Fahrtrichtungen sind eigentlich nur ungefähre Anhaltspunkte, die man als Vorschlag ansehen kann.

5. Die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten für motorisierte Zweiräder hängt von den Bastelfähigkeiten ihrer Besitzer ab.

6. Der TÜV Nord ist zwar inzwischen auch in der Türkei tätig, aber der Besuch ist jedem freigestellt.

7. Ein Kraftfahrzeug ist dann verkehrstauglich, wenn die Hupe funktioniert.

8. Blinkerhebel sind unnützer Ballast und dürfen deshalb ausgebaut werden.

9. Sobald jemand in der Lage ist, sich ein wichtig aussehendes Pappschildchen an das Hemd zu hängen, ist er berechtigt an Stellen seiner Wahl Parkgebühren zu erheben. Die Höhe der Gebühr wächst proportional mit der Professionalität, in der das Schild erstellt wurde.

10. Haltlinien an Ampeln sind grundsätzlich zu überfahren. Das Halten erfolgt erst direkt im Einmündungsbereich, das Wechseln der Ampelphase wird per Hupsignal (siehe Punkt 7.) vom nachfolgenden Verkehr angezeigt.

Auf unserer Fahrt zurück zum Flughafen sammelten wir wieder Gäste anderer Hotels ein. Dabei war der Zeitplan wohl so eng gestrickt, dass das Nutzen der nächsten Wendemöglichkeit für die Anfahrt eines auf der anderen Straßenseite gelegenen Hotels nicht infrage kam. Also fuhr der Fahrer ohne Zögern ein paar Meter auf der Gegenfahrbahn, die natürlich baulich getrennt von unserer war. Damit nicht genug, wurden dann auch noch beide Gegenfahrspuren gesperrt, damit man rückwärts in die Hotelvorfahrt setzen konnte.

Mein Mantra begleitete mich stets, sobald ich die Hotelanlage verließ. Es hat mir gute Dienste geleistet. Während der ganzen Zeit hatte ich aber den Eindruck, dass die einheimischen Kollegen einen ähnlichen Leitspruch entwickelt haben mussten. Nur so erklärt es sich, dass sie oft stundenlang in sengender Sonne am Straßenrand auf Klappstühlen verharrten, rauchten und teilnahmslos den Verkehrsgau beobachteten. Die südländische Gelassenheit fand hier eine uniformierte Verkörperung.

Bei mir verfestigte sich außer meinem Mantra noch der Gedanke: So wie die arbeiten, möchte ich mal Urlaub machen! Schön war der Urlaub trotzdem.

Todesangst


Neulich – nein, nicht im Nachtdienst – im Frühdienst ahnten mein Kollege und ich nichts Böses. Es waren Ferien und diese Tatsache allein versprach eigentlich eine ruhige Schicht. Diese hatten wir dann auch. Der Kollege hatte nach dem Dienst einen wichtigen Termin, sodass Überstunden ihm doch ziemlich in die Parade gefahren wären.

Es hätte ein sehr harmonischer Tag werden können, wenn da nicht wieder kurz vor Feierabend ein besonderer Einsatz auf uns gewartet hätte.

Bei der Leitstelle ging ein Anruf eines besorgten Vaters ein. Dieser berichtete, dass sein etwa zwanzigjähriger Sohn sich gerade von seiner Freundin getrennt habe (wobei es wohl eher umgekehrt gewesen war) und nun sehr depressiv sei. Er habe am frühen morgen mit seinem Filius telefoniert und dieser habe dabei zu verstehen gegeben, dass er keine Lust mehr auf das Leben habe.

Er, der Vater, mache sich nun große Sorgen, dass sein Spross sich etwas antun könne. Ob wir denn nicht bitte an der Wohnanschrift des Sohne vorbeifahren könnten, um sicherzustellen, dass dieser noch unter den Lebenden weile? Auf Anrufe reagiere der Verlassene nämlich nicht mehr.

Natürlich waren der Kollege und ich die Auserwählten, die beim Vater für Beruhigung sorgen sollten. Wir fuhren die sehr kurze Strecke von der Wache bis zur Wohnanschrift des vermuteten Suizidenten. Dort trafen wir auf eine ältere Frau, die sich als Mutter der Ex-Freundin zu erkennen gab. Da sie in unmittelbarer Nachbarschaft zum verflossenen Schwiegersohn in Spe lebte, war sie von ihrer Tochter angerufen worden, um sich zu kümmern. Sie berichtete uns, dass bis vor wenigen Augenblicken noch mehrere Freunde und Freundinnen mit ihr vor der Tür gewartet hatten. Gemeinsam habe man mehrfach geklingelt und an die Wohnungstür getrommelt. Leider ohne jede Reaktion in der Wohnung hervorzurufen. Einzig eine der Freundinnen habe den Jungen Mann auf seinem Handy erreicht. Ihr habe er mitgeteilt, dass es ihm egal sei, dass sich alle Sorgen machten und er sei auch nicht zu Hause. Seinen Aufenthaltsort wollte er nicht preisgeben. Nachdem das Gespräch beendet war, klingelte sein Handy zwar noch, er ging aber nicht mehr dran.

Natürlich kannte die „Schwiegermutter“ nur den Vornamen der Freundin, die mit dem Sorgenkind gesprochen hatte und natürlich auch keine Adresse oder Telefonnummer.

Was sie uns geben konnte, war aber wenigstens die Handynummer des jungen Mannes, um den es hier ging. Also konnten wir wenigstens die Handyortung einleiten. Nachdem wir uns Zugang zum Hausflur verschafft hatten, stiegen wir hinauf ins Schutzmannsparterre, sprich in den vierten Stock! Wir horchten kurz an der Tür, klingelten und klopften danach lautstark an der Tür und erhielten darauf die gleiche Reaktion, wie unsere Vorgänger – nämlich keine!

Nun war guter Rat teuer. Ich klopfte bei den direkten Nachbarn und holte einen Bewohner der Wohnung wohl direkt aus dem Bett. Zerknautscht und überrascht schaute mich ein junger Mann an. Ich fragte ihn, wann er das letzte mal Lebenszeichen seines Nachbarn festgestellt habe? „Gestern Abend, bis so gegen zwölf, war da Party mit lauter Musik und so. Danach war dann Ruhe.“, war die Antwort. Hm, Abschiedsparty oder neu entdeckte Freude am Leben? Während ich mich bei dem Nachbarn bedankte und ihn wieder in sein Bett entließ, sprach mein Kollege wieder mit der Mutter der Ex-Freundin. Soeben hatte die Leitstelle angerufen und mitgeteilt, dass das Handy in genau der Funkzelle eingeloggt sei, in der wir uns gerade befanden. Daraufhin war der Frau eingefallen, dass sich ein paar Straßen weiter die ehemalige WG des Mannes sei. Sie telefonierte mit ihrer Tochter, die uns die genaue Adresse nennen konnte. Auch diese lag in der Funkzelle, die infrage kam.

Also entließen wir die gestresste Frau vor Ort und begaben uns zu der Ex-WG des Ex-Lovers.

Dort eingetroffen, befragten wir die verbliebenen Bewohner. Diese hatten schon geraume Zeit nichts mehr von dem Mann gehört, versprachen uns aber, sich per Notruf bei der Polizei zu melden, falls sie ihn treffen sollten.

Retour zur Wohnung des Sohnemannes und wieder die Treppe hinauf. Auch durch den Türspion waren keine Bewegungen im Wohnungsflur zu erkennen, als wir erneut durch Klingel, Klopfen und Rufen auf uns aufmerksam machten.

Jetzt konnten wir nur noch abwägen: Die Wohnungstür öffnen und Gefahr laufen, dass der Bewohner sich nicht zu Hause aufhält, oder das Risiko eingehen, dass er in seiner Wohnung hilflos liegt und vielleicht stirbt? Keine Frage, wir mussten da rein. Das bestätigte mir auch telefonisch mein Chef, den ich um Rat gefragt hatte. Über die Leitstelle forderten wir also die Feuerwehr zum Türöffnen an. Ein RTW wurde ebenfalls auf die Reise geschickt, um im Antreffungsfalle schnell Hilfe leisten zu können.

Während wir nun auf die Feuerwehr warteten, nahm ich erneut den Aufstieg in Angriff und ließ den Kollegen das Handy des Betreffenden anrufen. Doch auch bei an das Türblatt gelegtem Ohr konnte ich in der Wohnung kein Klingeln hören. Zwar versuchte ich weiterhin auf mich aufmerksam zu machen, doch wurde diese Mühe nicht mit Erfolg belohnt.

Die Feuerwehr traf kurz darauf ein und brauchte ca. 30 Sekunden, um die Tür zu öffnen. Vorsichtig betraten wir die Wohnung, immer wieder nach dem Wohnungseigentümer rufend. Raum für Raum hielten wir nun Nachschau. In der Küche trafen wir auf die untrügerischen Beweise für die vorabendliche Feier. Der Tisch war übersät mit leeren Bierflaschen und gefüllten Aschenbechern. Zwar war das Fenster weit geöffnet, die Luft glänzte aber doch eher durch Abwesenheit.

Im Schlafzimmer wartete dann die Überraschung: Der unglücklich Verlassene lag in seinem Bett, das Handy in der Hand und versuchte wohl krampfhaft in seinen Träumen zu verbleiben. Er atmete also noch, was grundsätzlich ja erst mal positiv war.

Mit einiger Mühe weckten wir den Schläfer und fragten ihn nach seinem Befinden. Er befand sich aber anscheinend noch in den Ausläufern eines Vollrausches und war von unserem Erscheinen alles andere als erbaut.

„Was machen sie denn in meiner Wohnung? Sie haben doch gar keine Befugnis, hier zu sein!“, waren seine ersten Worte. Ich versuchte ihm ruhig zu erklären, dass wir aus Sorge um sein Leben hier seien und das wir nicht die Einzigen waren, die sich um ihn sorgten. Seine Antwort darauf war: „So ist das nun mal, wenn die eigene Freundin ’ne Nutte ist!“. Ich wies ihn darauf hin, dass ich mir keine Beleidigungen anhören wolle. Außerdem habe sich ja auch sein Vater Sorgen gemacht, der ihn ja schließlich nicht verlassen habe. „das ist mir ganz egal! Haben sie einen Durchsuchungsbefehl, dass sie hier so einfach hereinkommen?“, lallte er mir entgegen. Ich klärte ihn auf, dass wir zum Schutz seines eigenen Lebens hier seien und deshalb keinen Durchsuchungsbefehl bräuchten. Als ich ihn nach seinem Ausweis fragte, damit wir auch sicher sein konnten, den Richtigen gefunden zu haben, röchelte er nur: „Da liegt irgendwo meine Hose auf dem Boden. Da ist meine Patte drin. Nehmen sie sie heraus und verlassen sie meine Wohnung!“. Obwohl die Hose nur ein Gegenstand unter vielen auf dem Fußboden darstellte, fand ich sie doch recht schnell und fischte mir die Brieftasche mit dem Ausweis heraus. Es war tatsächlich der Totgeglaubte. Die Rettungswagenbesatzung verabschiedete sich daraufhin und der Zugführer der Feuerwehr bat mich um die Personalien des Betrunkenen, damit er die Rechnung schreiben konnte.

Unterdessen hatte sich der Langschläfer aus den Federn bequemt und kam in Unterhosen gewandet in die Küche. Während er sich seine Zigaretten in dem Chaos auf dem Küchentisch suchte, forderte er uns erneut dazu auf, endlich zu gehen. Ich beruhigte ihn, indem ich unsere baldige Abreise in Aussicht stellte und fragte ihn, was denn mit seinen Suizidabsichten sei, die er seinem Vater gegenüber geäußert haben sollte? „Ich habe zu keiner Zeit gesagt, dass ich mir etwas antun will. Das ist die Schlampe auch gar nicht wert! Ich habe mir nur einen gesoffen und keinen Bock auf meinen Vater gehabt.“. Auf die Frage hin, ob er denn nicht das Klingeln, Klopfen und Rufen gehört habe, antwortete er nur: „Doch sicher habe ich das gehört. Ich hatte aber keine Lust auf niemanden.“.

Ich informierte ihn noch schnell darüber, dass er nun mit einer Rechnung der Feuerwehr rechnen dürfe, dies aber sein eigenes Verschulden war, da ich mich mehrfach vor der Tür als Polizeibeamter zu erkennen gegeben hatte und auch die Türöffnung lauthals angekündigt hatte. Aber auch das schien ihn ebenso wenig zu interessieren, wie die Tatsache, dass sein Vater in Angst um das Leben seines Sprösslings lebte. Als ich ihm nahe legte, er solle doch seinen Vater anrufen, um diesen zu beruhigen, tat er gar nicht dergleichen.

Wir verließen die Wohnung in der Hoffnung, niemals in die Situation des Vaters zu geraten. Solche Kinder braucht kein Mensch. Wir hatten sogar den Eindruck, dass der Kerl gerne eine Entschuldigung von uns gehört hätte, weil wir ihn doch so unsanft geweckt hatten. Aber so weit kommt das noch!

Hotel zum Hafentaucher


Neulich im – wie soll es auch anders sein? – Nachtdienst. Meine Kollegin und ich hatten uns eigentlich auf eine ruhige Donnerstagnacht gefreut. Wieder einmal sollte es ganz anders kommen.

Gegen Mitternacht erreichte uns der Funkspruch, wir sollten doch zu einem bekannten Hotel der gehobenen Mittelklasse fahren. Dort sei ein offensichtlich Betrunkener aufgetaucht, der behauptete, er habe dort ein Zimmer und der sich vom Portier nicht vom Gegenteil überzeugen lassen wollte.

Als wir die Herberge betraten, sahen wir zunächst den Nachtportier, der angestrengt versuchte einen etwas verwahrlost wirkenden Mann aus dem Bereich hinter der Rezeption zu komplementieren. Die Augen des Hotelangestellten leuchteten erleichtert auf, als er uns erscheinen sah.

Nun wurde auch der nächtliche Gast sehr schnell und kam um die Theke herum. Mit starkem osteuropäischen Akzent erklärte er uns, er habe am Vormittag in diesem Hotel eingecheckt und wolle nun einfach nur schlafen, da er sehr müde sei.

Seine Erscheinung wollte aber nun so gar nicht zu dem gepflegten Hotel passen. Wie sich herausstellen sollte seine Geldbörse auch nicht.

Er wiederholte immer wieder: „Ich wohne in Zimmer 433. Ich heute Morgen angekommen!“. Der Portier schaute in unserer Gegenwart erneut im Reservierungscomputer nach. Das Ergebnis blieb das gleiche. Zimmer 433 war vermietet, aber der rechtmäßige Gast schlief bereits in seinem Zimmer und wäre von einem Untermieter sicher nicht erbaut gewesen. Zumal dieser auch noch völlig durchnässt war, wie wir inzwischen feststellten. Seine Erklärung für diesen Zustand war: „Ich bin verrutscht!“. Häh? Wie jetzt verrutscht? Wir einigten uns untereinander, dass er sicher ausgerutscht gemeint hatte. Die Frage war nur, wo das geschehen war?

„Sind sie in den Kanal gefallen?“, fragte ich ihn. Das Hafenbecken der Stadt befindet sich unweit des Hotels. „Ja, ich verrutscht!“, antwortete er erneut. „Sind sie denn da alleine wieder heraus gekommen?“, wunderte sich meine Kollegin. „Ja, allein!“, war die kurze Antwort.

Der Durchnässte machte auch auf mich einen höchst alkoholisierten Eindruck. Sicher war leider nur, dass er weder Papiere noch Geld dabei hatte und immer noch der festen Überzeugung war, dass er in diesem Hotel wohnte. Leider war es genauso sicher, dass dies nicht so war!

So versuchten wir, die elegante Version zu wählen und riefen dem zitternden Mann erst mal einen Rettungswagen. So würde er wenigstens ein warmes Bett bekommen und könnte endlich schlafen, was ja sein Hauptanliegen war. Da hatten wir aber die Hotelrechnung ohne diesen Gast gemacht.

Meine Kollegin versuchte immer noch geduldig, seine Personalien heraus zu bekommen. Das scheiterte aber immer wieder an seiner mehr als undeutlichen Aussprache. Während dieser Bemühungen kam der Nachtschwimmer meiner Kollegin immer wieder bis auf wenige Zentimeter nahe. Da er zu allem Überfluss auch noch über eine sehr feuchte Aussprache verfügte, fühlte sich die Kollegin zu recht sehr unwohl. Deshalb ermahnte sie ihn immer wieder, er solle doch bitte mehr Abstand halten. Das hätte sie aber ebenso gut der Rezeptionstheke erzählen können und wäre vermutlich auf mehr Verständnis gestoßen. Dann begann der Hafentaucher auch noch zu niesen – natürlich ohne Handschutz und in Richtung der angewidert dreinschauenden Kollegin.

Um aus der Schusslinie zu kommen, versuchte sie nun, den Gast seine Personalien aufschreiben zu lassen. Dazu begaben wir uns zur Rezeption, da er dort besser schreiben konnte. Leider schrieb er so undeutlich, wie er sprach, sodass eine Entzifferung vermutlich nur einem Apotheker mit 30 Jahren Berufserfahrung gelungen wäre.

Als meine Kollegin ihm nun begreiflich machen wollte, dass wir seine Schrift nicht lesen könnte, kam er erneut fast bis auf Nasenlänge an sie heran. Da ich gerade hinter ihm stand, zog ich ihn sanft aber mit Nachdruck von ihr weg. TILT!! Er fuhr herum um starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Sein Speichel bildete klebrigen Schaum in seinen Mundwinkeln und er rief: „Was du grunzen wie Schwein? Du mich nicht anpacken!“. Ich versuchte ihm erneut zu erklären, dass es der Kollegin verständlicherweise unangenehm sei, wenn er ihr so nahe kam. Das interessierte ihn aber herzlich wenig. Er war jetzt in Fahrt: „Ich will in mein Zimmer!“, schrie er. Auch meine Erklärung, dass sich dieses nicht in diesem Hotel befinde, verpuffte unbeachtet. Als ich ihm nun mitteilte, dass wir uns ja gerne um ihn und seine Nachtruhe kümmern wollten, wir ihm ja sogar einen Rettungswagen zur Versorgung gerufen hatten, der jeden Moment eintreffen müsse, rastete er völlig aus. Er griff nach dem linken Ärmel meiner Lederjacke und begann heftig daran herumzureißen. Dabei brabbelte er etwas wie: „Nur weil du schwarzen Mantel anhast…“. Weiter kam er nicht, denn mir wurde es nun zu bunt. Ich packte mir seinen Kopf und zog ihn zu Boden. Er landete natürlich nicht auf dem Bauch, sondern halb auf der Seite und wollte auch partout nicht in die Bauchlage. Die Kollegin half mir nach Kräften, aber es machte keinen Sinn, das Ganze in eine wilde Rangelei ausarten zu lassen. Also schnappte ich mir wieder seinen Kopf und brachte ihn in eine sitzende Position. Weit nach vorne über seine Beine gebeugt, hatte er jetzt nur wenig Chancen, noch aus der Fixierung zu gelangen. Wir fesselten ihm die Hände auf den Rücken und eröffneten ihm atemlos, dass er nun ein sehr unkomfortables Zimmer bei uns beziehen werde. Er hörte dies aber vermutlich gar nicht mehr, da er dabei war, uns in mindestens zwei Sprachen zu bedrohen und durch zu beleidigen.

Meine Kollegin ging nun los, das Auto vorbereiten und ich telefonierte mit der Leitstelle. Für alle Fälle bestellte ich den Arzt, der die Haftfähigkeit des Mannes bescheinigen sollte.

Nun traf auch die Rettungswagenbesatzung ein. Ich rief nur kurz: „Hat sich erledigt. Wir nehmen ihn mit!“. Die Sanis winkten kurz und waren auch schon verschwunden, bevor ich es mir noch anders überlegen konnte. Auf diesen Patienten waren sie sicherlich nicht scharf.

Der Nachtportier hatte das Schauspiel interessiert beobachtet und bedankte sich mehrmals, als wir den ungebetenen Gast zum Auto nach draußen führten.

Wir rechneten nun damit, dass wir den Wassermann nun im Gewahrsam abgeben würden und die Sache damit vorbei sei. Da hatten wir uns aber gründlich getäuscht.

Die Beleidigungen, die wir uns im Wagen anhören mussten, sind selbst mir zu obszön, um sie hier wiederzugeben. Bei den Bedrohungen war er nicht ganz so einfallsreich. Da reichte seine Fantasie nur für das übliche: „Ich habe mir dein Gesicht gemerkt. Ich schieße dir eine Neun-Millimeter da rein!“, Bla bla bla und so weiter und so fort.

Im Gewahrsam angekommen, ging die Suche nach der Identität des Mannes weiter. Unser feuchter Freund war nur wenig kooperativ. Nur den Atemalkoholtest verweigerte er nicht. Oh Wunder, oh Wunder: 0,00 Promille! Den Eindruck hatte er nicht gemacht. Allerdings war das nun ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass er andere Drogen konsumiert hatte. Natürlich wollte er davon nichts wissen.

Nach intensiver Befragung mit mehreren Versuchen, ihn seinen Namen buchstabieren zu lassen, hatte die Kollegin endlich einen Ansatz herausbekommen, mit dem man versuchen konnte, den Unbekannten in unserer Computerdatei zu suchen. Das klappte wider Erwarten sogar, sodass wir uns die Erkenntnisse über den klammen Herrn zu Gemüte führen konnten.

Dass er ein Konsument von Betäubungsmitteln war, wunderte uns nicht. Diese Erkenntnis reichte zusammen mit den jetzigen Vorfällen aus, um eine Blutprobe anzuordnen. Nur nicht wegen Alkohol, sondern wegen des Drogenkonsums.

Der inzwischen eingetroffene Arzt befragte unseren Gast und erfuhr, dass dieser illegal Drogenersatzstoffe injiziert hatte. Außerdem war er schon so lange abhängig, dass er freiwillig angab, die Blutprobe könne man bei ihm nur aus dem Hals entnehmen. Alle anderen Venen waren vernarbt und zerstochen. Der Arzt hatte allerdings auch am Hals seine liebe Not, Blut in ausreichender Menge zu entnehmen. Da er auch noch einen Blutzuckertest durchführen wollte, hantierte er noch länger an dem geöffneten Gefäß herum.

Nach dem üblichen Prozedere verschwand unser Eistaucher in seinem Zimmer für die Nacht.

Wir erledigten den leidigen Papierkram und kehrten zu unserer Wache zurück.

Dort trafen wir auf zwei Kollegen, die gerade Feierabend machen wollten. Sie hatten schon am sehr frühen Abend ihren Dienst begonnen und hatten ihn als Zivilstreife verbracht.

Einer ihrer Einsätze war an einer Einrichtung gewesen, in der Obdachlose übernachten können. Diese befindet sich in Bahnhofsnähe und ist häufiger Einsatzort. Diesmal randalierte dort ein Mann, der in der Einrichtung bekannt war. Da er sich aber nicht an die Hausordnung gehalten hatte, durfte er dort nicht übernachten. Dies sah er nicht ein und so rief das Personal die Polizei. Als die Kollegen dort eintrafen, hatte das Personal den Randalierer bereits in einen Raum gesperrt und wies darauf hin, dass der Mann HIV-positiv sei und man ihn deshalb nicht anfassen wolle. Schön, dass man das aber sehr wohl von der Polizei erwartete. Die Kollegen erledigten professionell ihre Arbeit, setzten den Mann vor die Tür und erteilten ihm einen Platzverweis.

Die Kollegen fragten uns nun, ob das denn wohl der gleiche Mann gewesen sei. Die Personalien wären im Computersystem im Einsatz gespeichert. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen, checkte ich die Daten. Verdammt! Das war tatsächlich unser Hafentaucher!

Nun ist mir bekannt, dass man sich bei normalem Kontakt nicht mit HIV infizieren kann. Leider zeigt die Erfahrung aber auch, dass gerade Drogenkonsumenten, die HIV-infiziert sind oft auch andere Krankheiten haben. Häufig geht da eine Hepatitis mit einher und je nachdem, welche Kategorie vorliegt, kann es auch zu einer Tröpfcheninfektion kommen. Besonders wenn man an geniest wird wie meine Kollegin!

Die bekam jetzt ein ganz übles Gefühl, was ich ihr nicht verdenken konnte. Der Typ hatte bei unserem Gerangel auch versucht, mich anzuspucken. Das war aber zum Glück an seinem Drogen bedingtem Speichelmangel gescheitert. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich ähnlich verunsichert gefühlt.

So fuhr ich mit meiner Kollegin ins Krankenhaus, wo sie eine Blutprobe abgab. Das muss sie jetzt noch dreimal machen, bis sie in einem Jahr dann Gewissheit hat, ob sie sich mit irgendetwas infiziert hat. Eine echt üble Situation, die ich niemandem wünsche.

Der Kerl hatte zu keiner Zeit etwas von seiner Infizierung erwähnt. Bei der Durchsuchung seiner Sachen hätte ich noch fast mit Latexhandschuhen in eine Nadel gefasst, die in seinem Jackenfutter steckte. Natürlich hatte ich vorher nach gefährlichen Gegenständen in seiner Kleidung gefragt, aber er hatte seine beiden Spritzen mit den dazugehörigen Nadeln anscheinend nicht für gefährlich gehalten.

Manchmal steht der Einsatzgrund wirklich in keinem Verhältnis zum Risiko. Hier war das eindeutig so. Der Schwimmkünstler hatte in seinem Drogenwahn schlicht das Obdachlosen-Asyl mit dem teuren Hotel verwechselt. Das kann ja schon mal vorkommen!

Dumm gelaufen (zum Glück nicht für uns!)


Neulich hatte ich Spätdienst. Ich musste mit meiner Kollegin zu einer Wohnung fahren, in die offenbar eingebrochen worden war. Ein aufmerksamer Nachbar hatte zwei junge Frauen beim Verlassen des Hauses getroffen und war danach an der aufgebrochenen Wohnungstür vorbeigekommen.
Wir konnten nicht viel mehr machen, als festzustellen, dass tatsächlich ein Einbruch vorlag, die Handynummer der Wohnungsinhaberin herauszufinden, diese zu verständigen und dann im Hausflur zu warten, bis die Kripo zur Spurensicherung eintraf. Eigentlich kein besonders aufregender Job.
Als wir nun so da im Hausflur herum standen und die Bonbonvorräte der Kollegin, die sie freundlicherweise mit mir teilte, langsam zu Neige gingen, schauten wir vor lauter Langeweile aus dem großen Flurfenster. Von dort schaute man wenig romantisch auf ein Parkdeck und ein paar Hinterhöfe. Während wir uns darüber unterhielten, dass man hier zwar nicht schön, aber doch sehr zentral wohne, fragte mich die Kollegin auf einmal: „Was machen die denn da?“. Ich folgte ihrem Blick auf das Parkdeck und entdeckte zwei junge Männer, die sehr schnell zwischen den Autos herum liefen und sich dabei immer wieder umschauten. Ihr Verhalten war dabei so auffällig, das wir uns beide sicher waren, dass die Kerle nichts gutes im Schilde führten. Also prägten wir uns ihr Aussehen so genau wie möglich ein und beobachteten wohin die beiden liefen.
Kaum waren die zwei aus unserem Blickfeld verschwunden, tauchte unter uns auf der Straße ein Mann auf, der sehr aufgeregt auf unseren abgestellten Streifenwagen zu lief. Dabei schien er nach uns Ausschau zu halten.
Meine Kollegin öffnete das Fenster und rief herunter: „Brauchen sie die Polizei?“. Der Mann schien erleichtert zu sein, uns zu sehen: „Da sind gerade drei Typen in meinen Keller eingebrochen. Ich bin denen noch hinterher gelaufen, habe sie aber jetzt aus den Augen verloren.“. Das passte ja wunderbar zu unseren Beobachtungen von gerade! Ich rief sofort unsere Leitstelle an, denn die Beschreibung von zwei der Täter passte genau mit unseren beiden Spezis überein. Die Leitstelle gab über Funk die Beschreibung der beiden durch, den Dritten hatten wir nicht gesehen und der Kellerbesitzer konnte ihn auch nicht näher beschreiben. Auch die Fluchtrichtung konnten wir ziemlich genau eingrenzen.
Nun ließ ich mir das Zusammentreffen des Mannes mit den Tätern genau beschreiben. Er war in sein Wohnhaus gekommen und hatte zwei der drei Typen aus dem Keller kommen sehen. Da er alle Hausbewohner kannte, fragte er sie, was sie hier zu suchen hätten. Die beiden drucksten kurz herum und gaben dann die denkbar ungünstigste Antwort: „Wir wohnen hier.“. Dies war nun eindeutig gelogen und das hielt der Kellerbesitzer ihnen auch vor. Also gaben sie Fersengeld und verdufteten so schnell sie konnten. Der Mann war nun alarmiert und ging in den Keller, wo er seinen Kellerraum aufgebrochen vorfand. Als er die Verfolgung der Täter aufnehmen wollte, stieß er fast mit dem Dritten im Bunde zusammen, der sich wohl im Fahrradkeller versteckt hatte und sich auch gerade verdrücken wollte. Als das Opfer nun hinter dem letzten Täter auf der Straße anlangte, waren die beiden Ersten schon lange über das Parkdeck geflohen und den Dritten verlor er auch schnell aus den Augen. Dafür entdeckte er aber in unmittelbarer Nähe unseren Streifenwagen, was uns dann ins Spiel brachte.
Ich gab alle Informationen an unsere Leitstelle weiter und teilte dem Mann mit, dass wir die Kollegen von der Kripo nach der Tatortaufnahme in der Wohnung, direkt zu ihm weiter schicken würden. Er bedankte sich und ging wieder nach Hause.
Wir mussten dann zum Glück auch nicht mehr lange warten. Zuerst traf die unglückliche Wohnungseigentümerin ein. Glück im Unglück war, dass die Wohnung nicht komplett verwüstet war, wie es oft bei Einbrüchen der Fall ist. Das war aber schon das einzig Positive – Wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt davon sprechen kann.
Dann trafen die Kollegen ein, denen wir den Tatort übergeben mussten und die wir über den Anschlusseinsatz im Keller des Mannes informierten. Wir verließen den Tatort und waren uns einig, dass wir doch noch in der Gegend bleiben wollten, um nach unseren flüchtigen Kellerkindern zu suchen.
Wir waren kaum drei Minuten im Streifenwagen unterwegs, da hörten wir über Funk, dass eine zivile Streife drei Personen, auf die unsere Beschreibung passte in unmittelbarer Nähe angetroffen habe und nun Unterstützung bräuchte, da die drei nicht wirklich kooperativ seien.
Natürlich meldeten wir uns sofort freiwillig dafür an, denn wir waren nur zwei Minuten von der Stelle entfernt.
So trafen wir denn wenig später zusammen mit zwei weiteren Streifenwagen am Anhalteort ein. Wir sahen sofort, dass es sich um unsere Flüchtigen Täter handelte. Als wir denn nun da in so geballter Macht einflogen, wurden einem der Drei plötzlich die Beine weich und er wäre gestürzt, wenn er nicht von dem einen zivilen Kollegen gehalten worden wäre.
Wir brachten das Trio ins Polizeigewahrsam. Das zuständige Kommissariat freute sich riesig über den Fang, denn zwei der Drei waren einschlägig bekannt und wurden schon fast verzweifelt gesucht. Sie kamen noch für mehrere andere Einbrüche in Frage und waren an ihrer Meldeadresse wohl nicht mehr anzutreffen. So blieben diese beiden denn auch über Nacht bei uns, um am nächsten Tag dem Haftrichter vorgeführt zu werden. Da sie beide eine hohe Haftstrafe zu erwarten hatten, bestand die Gefahr, dass sie nicht bis zur Verhandlung warten und vorher das Weite suchen würden.
Tja, so kann es gehen, wenn Polizeibeamte zur Tatenlosigkeit verurteilt werden. Sie suchen sich dann eben eine Beschäftigung. Dumm für das Trio, das wohl jetzt viel Zeit haben wird, darüber nachzudenken, warum ihre doch schon fast gelungene Flucht, doch noch in die Hose gegangen ist.

Warum immer ich?


Vor ein paar Tagen versah ich Frühdienst für eine andere Wache. Meine Kollegin und ich hatten schon recht viel zu tun gehabt, als wir einen etwas undurchsichtigen Auftrag bekamen:

Bei der Leitstelle hatte ein Mann angerufen, der der deutschen Sprache scheinbar nicht mächtig war. Sein Englisch war hingegen so gut, dass die Kollegen Probleme hatten mitzukommen.
Was sie mitbekommen hatten, ließ sie aber doch unruhig werden. Der Mann sprach davon, dass seine beiden kleinen Kinder bei seiner Ex-Frau leben würden. Diese verweigere ihm seit der Scheidung den Umgang mit den Kindern. Nun lebe sie auch noch mit einem Moslem zusammen, was in seinen Augen ein Unding sei. Was die Kollegen noch meinten zu verstehen war, dass er seine Kinder „gewinnen“ wolle – Was immer das auch bedeuten soll.

Unsere Aufgabe sollte es nun sein, zu benannter Ex-Frau zu fahren und nach dem Rechten zu schauen. Die Kollegen hatten nämlich die Adresse der Frau, nicht aber ihre Telefonnummer herausbekommen. Die Leitstelle befürchtete, dass der Mann, der sich nach eigenen Angaben in einer anderen Stadt befand, versuchen könne, sich seiner Kinder widerrechtlich zu bemächtigen.

Als wir bei der Wohnanschrift der Frau eintrafen, mussten wir zunächst unsere Schritte sehr vorsichtig setzen. Das komplette Grundstück war in einem verwahrlosten Zustand. Überall waren Fahrräder, Spielsachen, Kühlschränke und anderer Unrat verteilt. Von Gartenpflege schien man hier nicht viel zu halten.

Nachdem wir uns zur Haustür vorgearbeitet hatten, stellten wir fest, dass dort vier Nachnamen auf sieben Personen verteilt auf ein selbst gebasteltes Schild, das einen Engel darstellte, geschrieben waren. Auf so etwas waren wir aber durch die Einwohnermeldeauskunft schon vorbereitet. Fünf der sieben Namen gehörten wohl zu Kindern und Jugendlichen.

Auf unser Klingeln wurde nicht reagiert, sodass wir uns das Haus von allen zugänglichen Seiten anschauten. Dabei fanden wir eine nicht verschlossene Kellertür. Dahinter trafen wir einen der besagten Jugendlichen an, der dort sein „Schlafzimmer“ hatte. Das nutzte er bis dahin auch gerade als solches, sprich er schlief bis zu unserem Eintreffen tief und fest. Der Junge stellte sich als einer der Stiefsöhne der Frau heraus. Er konnte uns aber leider nicht sagen, wo sich seine Stiefmutter aufhielt. Nichteinmal ihre Handynummer konnte er uns bieten.

Wir instruierten ihn also ausgiebig und verließen die Örtlichkeit zumindest mit der Festnetznummer der Frau.

Leider nahmen wir fälschlicherweise an, dass dies das Ende dieses Einsatzes sei. Weit gefehlt und kein Gedanke!

Als wir gerade einen anderen Einsatz bearbeiteten, klingelte mein Handy. Die Leitstelle hatte nochmal die Köpfe zusammengesteckt und festgestellt, dass der Anruf des Mannes ja über die Notrufleitung hereingekommen war. Also war seine Angabe, er befinde sich in einer anderen Stadt, offensichtlich eine Lüge gewesen.

So schickte man uns jetzt zu seiner Wohnanschrift. Diese Adresse kennt so ziemlich jeder Schutzmann im südlichen Teil der Stadt. Das Haus ist ein ehemaliges Kloster, von außen erhaben und wuchtig, von innen in winzig kleine Appartements aufgeteilt. In den insgesamt 170 Wohnungen lebt ein kompletter Querschnitt durch die Gesellschaft. Häufig sind das auch Menschen, die finanziell kurz vor der Obdachlosigkeit stehen.

Ich mag dieses Haus nicht besonders, denn es ist muffig, düster und wird von endlos wirkenden Gängen durchzogen. Innen ist von Charme, den das Haus äußerlich unbestreitbar hat, nichts mehr zu erkennen.

Wir fanden also am Klingelschild den passenden Knopf, bekamen aber auch hier keinerlei Reaktion auf unser Klingeln. Wir zogen ab und meldeten der Leitstelle erneut den Einsatz als beendet.

Kaum hatten wir uns wenig später auf der Wache eingefunden, um dort ein paar schriftliche Arbeiten zu erledigen, klingelte dort das Telefon. Die Leitstelle wollte mit einem von uns beiden sprechen. Da ich gerade direkt neben dem Wachtisch stand, nahm ich das Gespräch entgegen.

Die Kollegin der Leitstelle teilte mir mit, dass der Mann erneut angerufen habe und nun zu Hause sei. Er erwarte dort unseren Besuch, auch wenn wir immer noch nicht wussten, was er denn nun ausgerechnet von der Polizei wollte.

Wieder machten wir uns auf den Weg zu seiner Wohnanschrift. Diesmal wurde uns nach dem ersten Klingeln die Tür geöffnet. Wir folgten der Beschilderung, bis wir an der geöffneten Tür seines Appartements ankamen.

Auf unser Rufen antwortete uns zunächst niemand. Die Computerabfrage des Mannes hatte nichts Erwähnenswertes ergeben. Trotzdem waren wir wachsam.

Nachdem wir uns mehrmals als Polizeibeamte zu Erkennen gegeben hatten, hörten wir nur ein: „Come in!“. Na sauber, er schien wirklich nur Englisch zu sprechen! Trotzdem forderten wir ihn auf, doch zu uns zu kommen, da wir überhaupt nicht sehen konnten, was uns in diesem Wandschrank mit Nasszelle so erwartete.

Ich verzichte jetzt darauf, zwischen den Sprachen hin und her zu springen. Genau das passierte nämlich für den Rest des Einsatzes. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass der Mann durchaus Deutsch verstand, wenn man es langsam sprach. Er fühlte sich aber in seiner Muttersprache deutlich wohler und weigerte sich deshalb ständig, Deutsch zu sprechen.

Hier sei zum Verständnis noch erwähnt, dass der Mann aus Guyana kam. Ein Land, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte. Google sei Dank weiß ich aber nun, dass es auf dem südamerikanischen Kontinent liegt und zur Karibik gehört.

Der Mann, ich nenne ihn von nun an Pepe, was natürlich nicht sein Name ist, rief erneut: „Kommt rein!“. Ich erwiderte: „Uns wäre es lieber, wenn sie zur Tür kommen würden.“.

Das schien ihn sauer zu machen, denn er begann zu fluchen: „Scheiße, warum muss ich jetzt aufstehen und zur Tür kommen? Bin ich ein Scheiß Krimineller?“.

„Das können wir zur Zeit noch nicht beurteilen, aber sie wollten ja schließlich etwas von der Polizei, sodass es schon der Anstand gebietet, dass sie uns an der Tür begrüßen!“.

Das sah Pepe aber ganz anders! Mit Anstand hatte er zumindest zu dieser Zeit nicht viel am Hut. Widerwillig kam er aber dann doch aus dem Off. Ein kräftiger Bursche mit Brille und modischer Kleidung. Dazu gehörte eine weite Jeans, die schon jetzt recht weit unten hing. In den Taschen eben dieser Jeans hatte er beide Hände vergraben.

Ich forderte ihn auf: „Nehmen sie die Hände aus den Taschen, damit ich sie sehen kann.“. Meine Kollegin und ich standen links und rechts vom Türrahmen und hatten beide jeweils eine Hand an der Schusswaffe und eine am Pfefferspray.

Pepe schaute etwas verdutzt, kam der Aufforderung aber nach. „Weshalb haben sie denn bei der Polizei angerufen?“, fragte ich ihn. Er antwortete: „Ihr sollt mir helfen!“. „Dafür müssten wir aber erst mal wissen, wie diese Hilfe aussehen soll.“, versuchte ich ihm klar zu machen.

Nun wurde Pepe komisch. Er meinte: „Ihr müsst mir helfen. Ich habe ein Recht darauf. Ich will meine Kinder sehen.“. Dabei vergrub er erneut seine Hände tief in den Taschen und wirkte dadurch wie ein trotziges Kind. Als ich ihn jetzt noch aufforderte, mir seinen Ausweis zu geben, war bei Pepe alles vorbei: „Ich bin hier in meinem Haus! Ich muss niemandem meinen Ausweis geben. Sobald ihr die Grenze meiner Türschwelle überschreitet, müsst ihr euch an meine Regeln halten. Das ist mein Recht!“.

Diese gesetzliche Regelung war uns beiden natürlich neu, sodass wir uns nicht der Einhaltung dieser Regel verpflichtet sahen. „Sie geben uns jetzt bitte sofort ihren Ausweis! Eine Nichtherausgabe ihrer Personalien ist schon strafbar!“, klärte ich ihn auf.

Pepe drehte sich nun kurzerhand um, eilte zurück in sein Appartement und kehrte gleich darauf mit einem Netbook in der Hand zurück. Er richtete die eingebaute Webcam auf uns und wollte die Aufnahme starten, als ich ihm das Gerät auch schon aus der Hand geschnappt hatte und zuklappte.

Dabei war ich auch schon in die Wohnung vorgedrungen, was uns aber keinen Vorteil bringen sollte, denn das Appartement war nur minimal größer, als der Flur davor. Außerdem war der gesamte Raum mit Kleidungsstücken übersät, der Boden war mit Essensresten bedeckt und überall lagen mögliche Waffen in Form von Scheren und Messern herum.

Pepe war nun auf 180! „Ich werde euch auf YouTube veröffentlichen und auf CNN! Ich bin kein Scheiß Nigger, ich bin aus der Karibik. Ich lasse mich nicht so behandeln!“. Das sind wie gesagt die entschärften Übersetzungen seiner Worte. Ich neige in meiner Wortwahl weder zur Fäkalsprache, noch zum Rassismus.

Diesen meinte Pepe uns aber natürlich unterstellen zu müssen: „So könnt ihr die Scheiß Asiaten behandeln! Ich bin Christ! Macht so was mit den Moslems! Ich bin kein Terrorist wie die!“.

„Sie sind sich aber schon im Klaren darüber, dass wir hier sind, weil sie uns angerufen haben, oder? Also achten sie auf ihre Äußerungen und sagen sie uns endlich, was sie von uns wollen!“, ich verlor langsam die Geduld mit Pepe.

Pepe ging jetzt richtig ab: „Ich will, dass ihr mich beschützt!“, sagte er und kramte vom Sofa eine Dokumentenhülle mit Papieren und zwei zerbrochenen Brillen hervor. Ich erkannte den Briefkopf der hiesigen Universitätsklinik. „Wo wart ihr, als ich zusammengeschlagen wurde? Warum habt ihr mich da nicht beschützt?“, spuckte er mir schon fast entgegen. Ich überflog die Papiere, die mir zeigten, dass die Vorfälle schon einige Zeit zurück lagen.

„Um diese Dinge geht es doch jetzt wohl kaum. Wenn sie wissen, wer sie verprügelt hat, können sie jederzeit auf jeder Polizeidienststelle Anzeige erstatten. Also warum haben sie heute die Polizei angerufen?“.

Jetzt kam Pepe mir bedrohlich nah, sodass ich ihn aufforderte, wieder zurück zu treten.

„Verlasst sofort mein Haus! Ich will euch Rassisten nicht hier haben!“, er war jetzt so in Rage, dass ihm in diesem Zustand alles zuzutrauen gewesen wäre. Sein Blick wurde starr und er kam entschlossen auf mich zu. Meine Kollegin wollte ihn an der Schulter zurückhalten, aber er schüttelte die Hand einfach ab. Ich hatte inzwischen mein Pfefferspray in der Hand und hielt es ihm direkt vor die Nase: „Weißt du was das ist? Das ist Pfefferspray und ich hoffe, dass du nicht ausprobieren willst, wie es wirkt!“. Pepe lächelte plötzlich. Sein Blick veränderte sich so krass, dass man hätte meinen können, einem anderen Menschen gegenüber zu stehen. Er griff nach seiner Jacke, die auf einem Sessel lag und holte daraus seinen Pass hervor. Er gab ihn mir wortlos und in diesem Augenblick veränderte sich seine Mimik erneut. Diesmal sah er plötzlich sehr traurig aus. Er wandte sich wieder dem Sofa zu und holte einen Umschlag hervor, dem er zwei großformatige Fotos entnahm. Diese zeigten seine Kinder. Zwei wirklich süße Kleinkinder, bei deren Anblick die Tränen über seine Wangen liefen. Er war jetzt auf einmal total niedergeschlagen: „Ich will nur meine Kinder sehen. Nächsten Monat gehe ich zurück in die Karibik und muss meine Kinder hier zurücklassen. Ich will nicht, dass sie eines Tages fragen: Wo ist Papa? Ich habe keine Kraft mehr. Wenn ich nicht mehr weiter weiß und niemanden zum Reden habe, rufe ich halt manchmal die Polizei an.“.

So sehr ich auch sein Problem verstand, so wenig konnte ich ihm allerdings auch dabei helfen: „Es tut mir zwar Leid, aber das ist kein Fall für die Polizei! Sie müssen das mit einem Anwalt zusammen klären.“, sagte ich zu ihm. „Ich habe fünf Anwälte!“, erwiderte er nun schon wieder etwas schroffer. Dann holte er aus seiner Sofa-Ablage erneut ein Schreiben hervor. „Hier, das heißt doch, dass ich meine Kinder jetzt sehen darf. Also fahren sie mit mir dahin, damit ich meine Kinder sehe!“.

Ich las den Brief vom Gericht, der besagte, dass der zuständige Richter das Verfahren neu eröffnen würde, wenn Pepe’s Ex-Frau ihm nicht ein umfangreiches Besuchsrecht einräumen würde. Pepe schien vor Gericht eine bessere Figur gemacht zu haben als jetzt vor uns.

„Leider heißt das nicht, dass sie sich das Besuchsrecht jetzt einfach erzwingen dürfen. Sie müssen das mit ihrem Anwalt klären. Ohne richterlichen Beschluss kann ihnen die Polizei nicht helfen!“.

Pepe sah sich jetzt wohl wieder in einer ausweglosen Situation. Seine Züge verhärteten sich wieder und er sagte: „Ich bin darüber krank geworden. Hier, ich war schon dort in Behandlung!“, mit diesen Worten zeigte er mir einen Terminzettel der örtlichen psychiatrischen Klinik. Das erhellte natürlich die Angelegenheit etwas. „Haben sie denn da auch Medikamente verschrieben bekommen?“, fragte ich ihn. „Ja, die kann ich mir aber nicht leisten! Ich habe nur die hier…“, sprach’s und nahm eine Packung Tabletten von seinem Sofa-Aktenschrank, drückte eine Pille heraus und steckte sie in den Mund.

„Halten sie das für eine gute Idee? Sie haben doch offensichtlich auch Alkohol getrunken.“, gab ich ihm zu bedenken. „Ich habe nur fünf Flaschen Bier getrunken!“, antwortete er. Stimmt, das war natürlich im Zusammenspiel mit Psychopharmaka nicht weiter erwähnenswert!

„Sind die Ärzte in der Klinik nicht die besseren Ansprechpartner für sie als die Polizei?“, fragte ich ihn. Er schaute mich jetzt schon fast verschmitzt an und holte ein Handy hervor. „Ich rufe jetzt meine Arzt an.“, teilte er mir mit. Das hielt ich durchaus für eine gute Idee. Meine Kollegin und ich hatten inzwischen eigentlich schon Feierabend und dieser Einsatz schien nirgendwohin zu führen. Sie stand auch zur Tatenlosigkeit verurteilt in ihrer Sicherungsposition, da sie nach eigenen Angaben die englische Sprache nicht so gut beherrschte. So war sie denn auf Gestik und Mimik und gelegentlichen Augenkontakt zu mir angewiesen, um die Lage zu beurteilen.

Pepe hatte inzwischen seinen Arzt erreicht, was mich nach meinen Erfahrungen mit Ärzten sehr verwunderte. Er stellte das Handy auf Mithören und erzählte dem Arzt, dass die Polizei in sein Haus eingedrungen sein und jetzt nicht mehr gehen wolle. Der Arzt war anscheinend mit Pepe’s Fall vertraut, denn er glaubte seine Schilderungen nicht. Als Pepe darauf beharrte, bestand der Arzt darauf mit einem von uns zu sprechen. Da ich ja schon die ganze Zeit das Reden übernommen hatte, nahm ich jetzt auch das Handy entgegen. Der Arzt schilderte mir kurz die Probleme, die Pepe hatte. Dabei ließ ich diesen natürlich nicht aus den Augen, denn als ich mich kurz einmal abwandte, musste mich meine Kollegin warnen, dass Pepe mir auf die Pelle rücken und nach meiner Waffe greifen wollte. Das tat er wohl in betont unauffälliger, lässiger Manier. Von da an ließ ich ihn keinen Augenblick mehr aus den Augen, denn er war unberechenbar.

Während der Arzt mir erklärte, dass er eine Stationäre Aufnahme von Pepe für unumgänglich hielt, trieb dieser seine gefährlichen Spielchen weiter. Mit einem Lausbubengrinsen im Gesicht fragte er mich immer wieder: „Kann ich deine Pistole sehen?“. Dabei kam er jedes Mal auf mich zu und griff wie zum Spaß nach meinem Holster. Ich hingegen fand das in keiner Weise spaßig, sodass ich, als Pepe auch noch anfing, die Kollegin in ähnlicher Weise anzugehen, das Telefonat beendete, nachdem ich mit dem Arzt die Einweisung abgesprochen hatte.

Jetzt hätte alles schnell gehen können, denn ich hatte einen erwiesenermaßen kranken Menschen, einen Arzt, der dies attestierte und eine bedrohliche Situation. Für mich war klar, dass ich nur noch einen Rettungswagen nebst Einweiser der Feuerwehr bestellen müsste und schon wäre dieser Einsatz beendet und der wohlverdiente Feierabend könne beginnen. Auch das sollte sich als schwerer Irrtum herausstellen.

Ich rief die Leitstelle an, um die besagten Maßnahmen zu fordern. Auch die Kollegen dort teilten jetzt noch meine Ansicht. Pepe hingegen verstand ja wie gesagt viel mehr Deutsch, als er zugeben wollte. Er hatte wohl etwas von Rettungswagen und Klinik gehört und messerscharf daraus geschlossen, dass dies auf ihn bezogen war. „Ich gehe in keine Scheiß Klinik! Ich bin nicht verrückt! Ich war amerikanischer Soldat, ich könnte euch fertig machen! Raus aus meinem Haus! Ich habe einen Fehler gemacht, als ich euch angerufen habe!“, schrie er mir wütend entgegen.

Nun war es an der Zeit, Pepe offiziell mitzuteilen, dass er zwangseingewiesen würde. Dies tat ich so schonend ich konnte, nicht ohne immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Maßnahme zu seinem Besten sei. Sowohl der Arzt als auch ich waren besorgt, wegen der Medikamente im Zusammenspiel mit dem Alkohol.

Pepe sah das ganz anders: „Ich habe doch nur ein paar Bier getrunken! Sie können mich doch nicht gegen meinen Willen aus meinem eigenen Haus holen!“. Ich erklärte ihm, dass wir das sehr wohl konnten und auch tun würden. Das brachte ihn so in Zorn, dass er eine angriffslustige Haltung einnahm und mich wieder herablassend anblickte: „Wer soll mich denn hier raus bringen? Du etwa, oder sie?“, dabei deutete er mit dem Kopf in Richtung meiner Kollegin. Pepe war zwar ein paar Zentimeter größer als ich, aber an Gewicht konnte er es nicht mit mir aufnehmen. Außerdem war ich nicht durch Alkohol und Medikamente beeinflusst, sodass ich dem ganzen zwar vorsichtig aber zuversichtlich entgegen sah. „Wir können das jetzt auf die einfache Art haben, indem sie freiwillig mitkommen und sich helfen lassen. Die Alternative ist, dass wir sie mit Zwang mitnehmen, sie vermutlich Schmerzen haben werden und ihr Aufenthalt in der Klinik sich dadurch bestimmt nicht verkürzen wird. Noch haben sie die Wahl, wie sie mitgehen. Sie haben aber nicht die Wahl, ob sie mitgehen!“, teilte ich ihm ruhig mit. Innerlich war ich aber doch recht angespannt, denn körperlich konnte dieser Mann durchaus ein Problem werden. Besonders, wenn das mit der militärischen Ausbildung stimmte.

Pepe war nun vollends verwirrt. Ich nutzte diese Verwirrung, dirigierte ihn zusammen mit der Kollegin an die Tür und wollte ihn durchsuchen. Das ist absolut üblich, da wir dafür sorgen müssen, dass die Rettungskräfte nicht auf einmal mit Waffen konfrontiert werden. Pepe fand das nicht so selbstverständlich und er fing an, sich zu wehren. Wir waren aber darauf gefasst und hatten ihm schnell die Arme auf den Rücken gedreht und die Handfessel angelegt. Ich arretierte sogar die Fesseln, sodass sie sich nicht weiter zusammenziehen konnten, wenn man an ihnen zerrte.

Genau das machte Pepe jetzt erst mal ausgiebig. Er war verständlicherweise jetzt sehr aufgebracht. Um ihm weniger Raum zum Wüten zu geben, stellten wir ihn in den engen Flur in eine Ecke vor dem Badezimmer. Pepe drehte jetzt richtig auf: „Ihr seit Nazis! Du bist Hitlers Frau!“, rief er in die Richtung meiner Kollegin. Dann ging er wieder zum leisen Ton über und sagte leicht lallend: „Wisst ihr, ich bin so lange in Deutschland und ich habe nicht viel Glück gehabt. Ich habe keine Familie, keine Kinder und Deutschland war nicht gut zu mir. Wenn ich in die Karibik zurück komme, werde ich einen Dschihad ausrufen und alle Deutschen töten, die ich finde. Ich werde alle Touristen abschlachten, sie als Sniper aus dem Gebüsch abknallen, sobald ich erfahre, dass es Deutsche sind!“. Na das war doch mal eine Aussage, die die Zwangseinweisung nochmal extra rechtfertigte. Wir gingen aber nicht weiter auf diese Drohungen ein, denn das erschien uns beiden sinnlos. Pepe schwang jetzt vollends auf den Pfad des Wahnsinns ein. Er schaute mich an und sagte ganz langsam und leise zu mir: „Warum erschießt du mich nicht einfach? Schieße mir einfach zwei Kugeln in den Kopf. Eine reicht vielleicht nicht. Du würdest mir einen großen Gefallen tun. Wir schließen einfach die Tür, sodass deine Kollegin nichts sieht und wenn die Tür wieder aufgeht, bin ich tot!“. Mir ging zwar sein Gerede auf die Nerven, aber dann doch nicht so sehr, dass ich dieser Aufforderung nachgekommen wäre. Pepe ließ aber nicht locker. Er bettelte weiter und ich schaute immer häufiger auf die Uhr, da mir die Zeit bis zum Eintreffen der Feuerwehr ganz schön lang wurde.

Irgendwann wurde es dann Pepe wohl selbst zu bunt und er schwang wieder in eine andere Richtung. Nun wollte er unbedingt schlafen. Da wir ihn nicht wieder in den Wohn-/Schlafraum zurück lassen wollten, sagte ich ihm, er solle sich doch auf den Boden setzen. Das tat er dann auch.
Nun klingelte mein Handy erneut. Ich hatte an diesem Tag kein dienstliches Handy dabei. Inzwischen hatte wohl halb Münster meine private Telefonnummer, denn nun rief mich der behandelnde Arzt nochmals an. Er hakte nochmal nach, welche Tabletten Pepe genommen hatte und in welcher Dosierung. Pepe gab Auskunft darüber und der Arzt war hörbar erschrocken, denn die Dosierung war wohl deutlich zu hoch. Er unterstrich nochmals seine Befürwortung der Einweisung und verabschiedete sich. Das Gespräch war auch etwas schwierig geworden, weil Pepe inzwischen angefangen hatte, lauthals nach Hilfe zu rufen.

Wir warteten also weiter, um zwischenzeitlich immer wieder mit der Leitstelle zu telefonieren, wo denn bitte der Rettungswagen bliebe? Man versicherte uns jedes Mal, dass dieser unterwegs sei. Beim letzten dieser Telefonate hörten wir dann, dass der Einweiser erst mal allein zu uns kommen würde. Na prima! Da wir keine Kranken transportieren dürfen und der Einweiser bestimmt Pepe nicht in seinem PKW mitnehmen wollte, bedeutete das eine weitere Verzögerung. Schließlich musste der RTW dann ja bei der sicheren Einweisung Pepe’s nach geordert werden.

Pepe wurde ob der Warterei auch immer ungeduldiger. Er lag nun in seinem Flur und versuchte durch den Wohnungstürspalt nach draußen um Hilfe zu rufen. Die Schritte auf dem Gang entfernten sich dadurch aber immer nur noch rascher. Offensichtlich hatte Pepe hier nicht viele Freunde im Haus. Nun klingelte erneut mein Handy und der Sachbearbeiter des zuständigen Kriminalkommissariats war in der Leitung. Er kannte Pepe und gab mir noch ein paar Hinweise. Unter anderem hatte Pepe wohl auch schon geäußert, dass er sich seine Kinder mit einem Messer holen wolle. Außerdem hatte er in letzter Zeit damit geprahlt, eine Schusswaffe zu besitzen. Alles keine Nachrichten, die zu unserer Entspannung dienten.

Pepe hatte angefangen, sich während der Telefonate ständig auf meine Füße zu rollen. Ich rollte ihn wieder zurück und das Spiel begann von vorne. Leider konnte ich in dem Mini-Flur nirgendwohin ausweichen. Endlich traf der Einweiser ein. Ich rollte Pepe, der jetzt quasi als Türstopper fungierte, zur Seite und ließ den Kollegen Feuerwehrmann ein. Dieser sah auch recht skeptisch auf Pepe herab. Nachdem ich ihm kurz erzählt hatte, was vorgefallen war, wollte er mit Pepe sprechen. Dieser forderte aber zunächst, dass man ihm die Handfesseln abnehmen solle. Der Feuerwehrmann war jetzt schon sehr irritiert, denn Pepe sprach auch mit ihm kein Deutsch. Um die Lage aber etwas zu entspannen, einigten die beiden sich darauf, das ich Pepe die Handfesseln abnehmen würde, er dafür aber sitzen bliebe.

Wenn der Einweiser geglaubt hatte, jetzt mit Pepe ein Gespräch zustande zu bekommen, hatte er sich geschnitten. Pepe jammerte ihm die Ohren voll, seine Hände wären wegen der Fesselung fast abgestorben, bezeichnete mich als KZ-Aufseher, der ihm ins Gesicht getreten hätte und fragte ungefähr fünfmal nach, wer denn jetzt der Einweiser wieder sei. Die Situation schien für diesen etwas viel zu sein. Er ließ sich von Pepe die gleichen Papiere vor die Nase halten, die ich auch schon gesehen hatte. Dann rief Pepe einen seiner Anwälte an und schilderte diesem, dass gerade sieben bis acht Polizisten seine Wohnung gestürmt hätten und ihn nun gegen seinen Willen mitnehmen wollten. Zumindest der letzte Teil traf ja auch zu. Diesmal redete meine Kollegin mit dem Anwalt und erklärte ihm die Situation. Daraufhin riet der Anwalt seinem Mandanten erst mal mit uns zu gehen und abzuwarten, bis die Geschichte mit dem Arzt geklärt sei. Pepe war davon natürlich gar nicht angetan. Er rief nun noch einen Freund an, wo er doch gerade das Telefon in der Hand hatte. Diesen forderte er nun auf, sofort zu ihm zu kommen, da er gerade von der Polizei mit Gewalt entführt werde. Da der Einweiser keine Anstalten machte, nahm ich Pepe das Handy ab und gab mich als Polizeibeamter zu erkennen. Ich fragte, wer denn da am anderen Ende sei und der Mann sagte mir auf Deutsch, dass er ein Bekannter sei. Er fragte mich auch, was Pepe denn wieder angestellt habe? Ich antwortete ihm, dass ich ihm das natürlich nicht sagen dürfe, aber er solle bitte nicht auch noch hier auftauchen. Das versprach Pepe’s Freund und verabschiedete sich mit den Worten: „Der Junge ist nicht ganz richtig. Der ist krank im Kopf!“. Ach! Mach Sachen!

Der Einweiser hatte inzwischen erneut mit dem Arzt in der Psychiatrie gesprochen. Welch Überraschung, dass dieser ihm auch zur Einweisung riet. Also beschloss Kollege Feuerwehr, genau das zu tun, was wir die ganze Zeit gewollt hatten. Wir sollte Pepe jetzt raus bringen und er würde dann über Funk einen RTW bestellen. Sein Handy funktionierte nämlich anscheinend nur nach dreistündiger Anbetung.

Also sorgten wir dafür, dass Pepe Schuhe anzog, dachten auch daran, dass er eine Jacke brauchen würde, packten seine Papiere, seine Geldbörse, seine Medikamente und sein Handy ein und gingen mit ihm vor das Haus. Pepe meinte inzwischen wieder Spielchen mit uns spielen zu müssen. So fragte er mich noch im Hausflur: „Wenn ich jetzt weg renne, erschießt du mich dann?“. Als ich dies verneinte schaute er schon fast enttäuscht drein.

Am Streifenwagen angekommen bedeutete ich Pepe, er solle sich an die Motorhaube stellen. Der Einweiser ging zu seinem Wagen, um den RTW anzufordern. Als er zurückkehrte, hatten wir Pepe inzwischen schon wieder gefesselt und auf die Motorhaube gedrückt, denn es war uns beiden zu blöd geworden, bei seinen Kinderspielen mitzumachen. Als er versuchte an uns vorbei wegzulaufen, hatten wir ihn kurzerhand wieder fixiert.

Nachdem der RTW zunächst an uns vorbei gefahren war, traf er dann doch noch ein. Als die Besatzung ausstieg, fragte mich Pepe: „Kannst du mich bitte losmachen, damit ich die Leute umbringen kann?“. Ich gab die Frage an einen der Sanitäter weiter und dieser bat darum, die Frage abschlägig zu beantworten.

Ich hatte natürlich das Vergnügen, mit Pepe im Rettungswagen mitzufahren. Die RTW-Besatzung verzichtete komplett darauf, uns hinten Gesellschaft zu leisten. Ich war also die ganze Fahrt allein mit unserem Sorgenkind. Allein während der viertelstündigen Fahrt, wechselte Pepe’s Stimmung mindestens fünfmal. In einem Moment war er wieder der Wütende, im nächsten Moment fragte er mich, ob ich auch Kinder hätte und wie ich denn nachts ruhig schlafen könne, wenn ich anderen Menschen so was antäte. Einer seiner Aussprüche war: „Du hast kein Herz!“.

Ich versuchte ihn zu beruhigen und sagte ihm, er solle die Hilfe annehmen, die ihm geboten würde. Außerdem solle er den Alkohol aus dem Körper lassen, solange er Medikamente schlucke. Ich riet ihm auch, dem Arzt gegenüber keine Scherze zu machen, die in Richtung Dschihad und so weiter gingen. So würde er bestimmt nicht in absehbarer Zeit die Klinik verlassen. Pepe wurde auch immer ruhiger und nachdenklicher.

Als wir endlich ankamen, redeten wir kurz mit Pepe’s behandelnden Arzt. Pepe war immer noch nicht überzeugt, dass er hier bleiben müsse. Der Arzt überzeugte ihn, wenn auch nur schwer. Auf der Fahrt zu der Station, wo Pepe aufgenommen werden sollte, bat er mich noch: „Bitte erzähl nicht, dass ich deine Waffe klauen wollte. Das war nur ein Scherz, ehrlich.“. Ich erwiderte: „Das war aber ein sehr gefährlicher Scherz! Ich hätte ja auch viel nervöser regieren können!“. Pepe nickte darauf nur verstehend.

Nachdem ich dem Stationsarzt die ganze Geschichte erzählt hatte, verabschiedete ich mich von Pepe. Dieser fragte mich, was ich erzählt habe. Ich antwortete ihm, dass ich nur die Wahrheit gesagt habe und dass ich die Sache mit meiner Waffe als schlechten Witz interpretiert hatte. Pepe sah mich ehrlich dankbar an. Er gab mir die Hand und meinte: „Kann ich dich anrufen und dir erzählen wie es gelaufen ist?“. Ich antwortete: „Nimm es mir nicht übel, aber meine Privatnummer bekommst du nicht. Die haben mir seit heute eh schon zu viele Leute. Du kannst aber gerne auf der Wache anrufen.“. Pepe bedankte sich und meine Kollegin und ich verließen, gefolgt von der RTW-Besatzung die Station. Hinter uns scherzte diese auf der Treppe: „Ja, ja, die Kollegen von der Polizei haben aber auch Nerven wie Drahtseile!“. Ich erwiderte nur: „Ja, aber nur bis wir selbst hier landen!“.

Eine verhängnisvolle Affäre


Neulich ist mir wieder etwas komisches am Tage passiert.
Ich fuhr mit meiner Kollegin (der gleichen wie im letzten Post) Streife und bekam den Einsatz:

Fahren sie zur ABC-Straße, da wartet der Anrufer. Im Haus soll sich eine renitente Frau aufhalten, die dort nicht wohnt.

Da es noch nicht einmal 13:00 Uhr war, verwunderte uns ein solcher Einsatz doch etwas, da diese meist mit Alkohol im Zusammenhang stehen und der Genuss des gleichen zu dieser Uhrzeit zumindest nicht allgemein üblich ist.
Als wir in der angegeben Straße ankamen, lief auch schon ein wild gestikulierender junger Mann auf uns zu, der sich auch schnell als Anrufer herausstellte. Er wollte uns auch direkt in das Haus ziehen und machte einen recht verzweifelten Eindruck. Wir zogen es aber doch vor, zu wissen was uns erwartete.
Seine Schilderung der Situation sah folgendermaßen aus:
Er habe am Vorabend mit ein paar Freunden gefeiert und getrunken. Dabei habe er in einer Kneipe eine Frau kennen gelernt, die er natürlich auch gleich mit nach Hause genommen hatte. Die Frau habe bei ihm übernachtet und wolle jetzt das Haus nicht mehr verlassen und würde nun sogar die Nachbarn belästigen.
Hm, das klang jetzt aber doch etwas komisch. Also hakten wir noch einmal nach: „Was hat sich denn in der Nacht so abgespielt, dass die Dame jetzt so erzürnt ist?“, fragte meine Kollegin vorsichtig. „Also ich war total betrunken und die auch. Da ist gar nichts passiert und die hat meine Wohnung verwüstet!“, erwiderte der junge Mann. „Sind da außer dem Alkohol noch andere Drogen im Spiel gewesen?“, stocherte meine Kollegin noch etwas nach. „Nein, auf keinen Fall! Ich weiß natürlich nicht, was die so alles nimmt, aber ich habe mit Drogen nichts zu tun! Ich will nur, dass die jetzt endlich verschwindet!“. „Wie heißt die Dame denn?“, fragte ich, „Woher soll ich das denn wissen?“, war die nicht ganz so überraschende Antwort. „Es hätte ja sein können, dass sie sich unterhalten haben, bevor sie gemeinsam nach Hause gegangen sind.“, erwiderte ich leicht belustigt.
Jetzt betraten wir aber doch endlich das Mehrfamilienhaus. Der Anrufer hielt sich dabei schön hinter meiner Kollegin und mir.
Je höher wir in dem düsteren, muffigen Treppenhaus kamen, desto mehr Relikte der gemeinsamen Nacht der beiden tauchten auf. Hier hing ein BH über dem Treppengeländer, dort lag eine zerbrochene elektrische Zahnbürste, dann folgte ein Damenslip und auf den letzten Stufen sah es dann aus, als habe jemand einen Koffer dort ausgeschüttet.
Ich drehte mich zu dem jungen Mann um und fragte: „Dass die gute Frau mit ihrem gesamten Hausstaat in einer Kneipe war, hat ihnen aber nicht zu denken gegeben, oder?“. Er schaute etwas verschämt und antwortete nur: „Ich war echt betrunken.“. Ich verstand – Allohol macht Birne hohl!
Die letzte Treppe mussten meine Kollegin und ich allein bewältigen, da dem Aufreißer der Mut fehlte, seiner Eroberung vom Vorabend nochmals gegenüber zu treten.
Gespannt aber wachsam, die Hand zur Vorsicht am Pfefferspray, traten wir nun endlich seiner Heimsuchung gegenüber. Diese sah nun wirklich nicht ganz ungefährlich aus. Raspelkurze Haare, kräftige Oberarme, die natürlich tätowiert waren, das Ganze spärlich verhüllt mit einer Jeans und einem neongrünen BH. Alles in Allem kein erfreulicher Anblick, aber was am meisten überraschte, war die Tatsache, dass diese Frau etwa zwanzig Jahre älter als ihr nächtlicher Herbergsvater erschien. Sie gab ein Bild von einer in die Jahre gekommenen Techno-Maus her und begrüßte uns auch erleichtert mit: „Na endlich! Wie lange muss ich denn noch hier warten? Ich will endlich nach Hause!“. Diese Aussage verblüffte uns jetzt doch ein wenig, denn unser Hiersein resultierte ja aus ihrem angeblichen Unwillen, das Haus zu verlassen. „Ja warum gehen sie denn nicht einfach?“, fragte meine Kollegin. „Weil da noch Sachen in der Wohnung von dem Typen sind, die er mir nicht geben will!“, war die prompte Antwort. Darauf folgten noch einige weit weniger verständliche Sätze, denen wir nur entnehmen konnten, dass Techno-Liesl 47 Jahre alt war und am Vorabend wohl nur einen Platz zum schlafen gesucht hatte, da sie ihren Schlüssel nicht finden konnte. Der studentische Casanova sei dann mehr als zudringlich geworden, was sie aber gar nicht wollte. „Der hat mich auch unter Drogen gesetzt!“, erwähnte sie irgendwann beiläufig. Natürlich wurden wir dabei hellhörig: „Wie sah das denn aus?“, wollten wir wissen. „Der kam dauernd mit seinem Joint an. Ich habe mit Drogen gar nichts zu tun!“. Komisch, hier hatte angeblich keiner etwas mit Drogen zu tun, aber alle machten eine ziemlich bedröhnten Eindruck. „Na ja, er hat sie ja wohl kaum zum Rauchen gezwungen, oder? Also kann ja keine Reden von „Unter Drogen setzen“ sein.“, erklärten wir ihr. Beim Rauchen muss man schließlich ein gewisses Maß an eigener Aktivität voraussetzen.
Techno-Liesl bestand aber darauf, dass wir speziell nach ihrem überaus wichtigem Kalender in der Wohnung suchen sollten. Um ihre baldige Abreise herbei zu führen, teilten wir uns auf. Meine Kollegin übernahm die vermeidlich unangenehmere Aufgabe, mit der verwirrten Leichtbekleideten deren Sachen einzupacken, während ich mit dem Helden der Nacht dessen Wohnung begehen sollte.
Nachdem ich ihn an seiner nächtlichen Kontrahentin vorbei gelotst hatte, betraten wir sein Domizil. Grundsätzlich war diese Wohnung bestimmt mal ganz schön. Das war aber vor dem Einzug dieses Mannes gewesen. Als erstes strömte mir eine Melange von Alkohol, kaltem Zigarettenrauch und Urin entgegen. Leicht hüstelnd betrat ich den Schatten eines exklusiven Appartements, der sich sicher nach einem etwas häuslicheren Bewohner sehnte. Ich will hier nicht tiefer ins Details gehen. Nur so viel sei gesagt: Als mir der Aufreißer weismachen wollte, die Wohnung sehe erst seit seiner nächtlichen Heimsuchung so aus, war diese Ausrede geradezu lächerlich, weil absolut erlogen.
Natürlich fand ich den ersehnten Kalender nicht, obwohl ich gestehen muss, dass mein Engagement bei der Suche in diesem Feuchtbiotop begrenzt war.
Also teilten wir der Heimsuchung das erwartete Resultat mit und veranlassten sie, das Haus zu verlassen. Das gestaltete sich immer noch schwierig genug, denn auf jeder Etage gab es ja noch Gegenstände zum Einsammeln. Diese mussten dabei auch noch in trocken und nass sortiert werden, da die große Badewanne der Wohnung eine wohl nicht unwesentliche Rolle in den nächtlichen Betätigungen gespielt hatte.
Herr Student verzichtete auf eine Anzeige. Frau Techno-BH wurde mit ihren Anzeigen-Aluren auf einen nüchternen Zustand und eine Polizeiwache verwiesen. Bei ihrer Überprüfung war heraus gekommen, dass wir mit unserer Vorsicht ihr gegenüber genau richtig lagen. Sie hatte in der Vergangenheit schon des öfteren die körperliche Auseinandersetzung gesucht.
Dem Westentaschen-Charmeur riet ich noch, doch etwas mehr Obacht auf die Wahl seiner Gespielinnen zu haben. Er entschuldigte sich erneut mit den Worten: „Wir hatten echt viel Sambuca getrunken. Ich weiß auch nicht, was mich da getrieben hat.“. Auf jeden Fall war das wohl seine ganz persönliche verhängnisvolle Affäre.
Tja, das Fazit muss wohl heißen: Augen auf, nicht nur im Straßenverkehr!

Muss das denn sein?


Da bin ich gerade den zweiten Tag im Dienst und fahre gerade das erste Mal wieder Streife, da passiert mir doch tatsächlich auch mal außerhalb des Nachtdienstes etwas Seltsames.

Meine Kollegin und ich befuhren gerade eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, da fiel uns vor uns ein Fahrzeug auf, das auf der rechten Spur am Straßenrand stand, die Beifahrertür geöffnet, eine Handtasche lag auf dem Radweg neben dem Auto und darum herum verschiedene Packungen Chips, Süßigkeiten und Getränke.
Weder meine Kollegin noch ich, konnten uns zunächst einen Reim darauf machen. Wir waren aber beide neugierig genug, um nicht einfach die Spur zu wechseln und das Ganze zu ignorieren.
Während ich den Streifenwagen noch hinter dem Auto zum Stehen brachte, tauchte auf einmal eine Frauenhand aus der geöffneten Beifahrertür auf, die uns heran zu winken schien. Als meine Kollegin daraufhin die Tür öffnete, hörten wir noch: „Bitte komm, Hilfe!“.
Nun wurden wir aber wirklich schnell. Meine Mitstreiterin sogar noch schneller als ich, denn sie erreichte als Erste die Beifahrertür. Mein Weg zum Auto wurde noch von einem hilfsbereiten Mitarbeiter des ASB unterbrochen, der mit seinem Kollegen zufällig in einem Krankentransportwagen hinter uns angehalten hatte und nun seine Hilfe anbot. Leider konnte ich ihm noch gar nicht sagen, ob seine Hilfe von Nöten sein würde.
Meine Streifenführerin hatte inzwischen Kontakt zu den Fahrzeuginsassen aufgenommen. Ich kam gerade hinzu, als sie die Beifahrerin, die offensichtlich die Besitzerin der Handtasche war, gerade aus dem Auto bat und den Fahrer aufforderte, den Motor abzustellen.
Ich trollte mich also auf die Fahrerseite, wobei ich meinen Allerwertesten doch sehr gefährdet durch den fließenden Verkehr sah, und nahm den Fahrer in Empfang. Ohne zu wissen, was denn nun passiert war, spulte sich die Routine ab und ich manövrierte den Mann auf den Gehweg und somit aus der Todeszone Fahrbahn.
Da die Frau bei meiner Kollegin offensichtlich geweint hatte, hielt ich es für ratsam, die beiden Personen erstmal zu trennen.
Während ich nun den Mann etwas zur Seite nahm, rief mir meine Spannfrau zu, dass der Mann die Frau geschlagen haben soll.
Als ich dies dem so schwer Beschuldigten vor hielt, antwortete er nur: „Das ist normal. Das ist meine Frau. die erzählt immer sowas.“. Auf die leicht blutende Lippe seiner Frau angesprochen, erzählte er folgende Geschichte:
Er sei mit seiner Frau im Auto in Streit geraten. Seine Frau wäre dann wie immer ausgerastet und habe auf ihn eingeschlagen. Als sie während der Fahrt die Beifahrertür geöffnet habe, legte er eine Vollbremsung hin. Dabei müsse sie mit der Lippe irgendwo gegen gestoßen sein.
Diese Schilderung, gedachte er mit einer kleinen, blutenden Verletzung am rechten Ohrläppchen zu untermauern.
Seine Frau erzählte derweil ihre Version der Geschichte:
Man sei gerade beim MediaMarkt gewesen, um für die Tochter einen Fernseher zu kaufen. Leider wurde die Finanzierung abgelehnt und so sei man im Auto in Streit geraten. Da Sie vorschlug, sich den Preis des Gerätes zu teilen, sei ihr Mann so in Rage geraten, dass er ihr mit dem Ellenbogen ins Gesicht gestoßen habe.
Meine Kollegin fragte, ob sie den daraufhin ihren Mann auch geschlagen habe? Die Antwort war doch etwas verblüffend: „Ja natürlich!“. Leicht irritiert erwiderte meine Kollegin, dass es wohl kaum natürlich sei, in einem fahrenden Auto aufeinander einzuschlagen, besonders wenn einer der Kontrahenten der Fahrer sei!
Beide beharrten auf der jeweiligen Version der Geschehnisse. Für uns also vor Ort nicht lösbar. Selbst, als die Kollegin die Nochehefrau darauf hinwies, dass es doch recht unwahrscheinlich ist, dass ihre Verletzung wie von ihr geschildert entstanden ist, lenkte niemand ein. Frau Beifahrerin hatte nämlich ihre „Wunde“ fast schon im rechten Mundwinkel, also auf der, dem Fahrer abgewandten Seite. Für einen Ellenbogen, der auch noch an der Lenkung eines Autos beteiligt sein sollte, sehr schwer zu erreichen.
Zur Krönung dieser Groteske, verzichteten beide Eheleute natürlich auf einen Strafantrag! Das ließen wir uns aber durch Unterschrift bestätigen, damit uns das später auch jemand glaubt.
Wir schickten die beiden Streitenden daraufhin in verschiedene Richtungen.
Die Anzeige, die wir natürlich trotzdem schreiben mussten, ist selbstverständlich nicht das Papier wert, auf dem sie ausgedruckt wurde, aber dieses Schicksal teilt sie leider mit immer mehr Vorgängen, die wir schreiben.

Krankheitsbedingter Ausfall


Hallo,

leider bin ich zur Zeit gesundheitlich ziemlich angeschlagen und nicht dienstfähig.
Deshalb wird sich hier voraussichtlich auch in absehbarer Zeit nichts tun.

Ich bitte um Verständnis, ich will ja hier auch nur reale Begebenheiten schildern und das kann ich schlecht, wenn ich nichts erlebe.

Danke

Thorsten