Der Fahrradschreck


Mann, war das ein Spätdienst! Mein Kollege und ich waren nicht einmal dazu gekommen, feste Nahrung zu uns zu nehmen, was unserer beider Laune nicht unbedingt zuträglich war. Aber das sollte nicht unser einziges Problem bleiben.
Unser Schicksal wollte es so, dass wir an diesem Tag drei Unfälle aufgenommen hatten und jeder der drei einen schriftlichen Vorgang, sprich eine Anzeige, erforderten. Damit nicht genug, wurden alle Versuche, diese zu Papier zu bringen, immer wieder durch andere Einsätze unterbrochen.
Eine dieser Unterbrechungen war ein lapidarer LaDi (Ladendiebstahl) in einer Tankstelle in Bahnhofsnähe. Diese wird sehr stark von Obdachlosen und Mitgliedern der Drogenszene frequentiert und ist deshalb stark von LaDi gebeutelt. Das geht soweit, dass im Verkaufsraum inzwischen mehr Kameras hängen, als draußen an den Zapfsäulen.
Wir erfuhren schon auf der Anfahrt, dass zwar der Täter selbst verschwunden war, er dafür aber sein mitgeführtes Fahrrad vor Ort hatte stehen lassen. Wir bezweifelten allerdings beide, dass es sich dabei wirklich um sein Fahrrad handelte.
Der Tankstellenangestellte schilderte uns kurz den Vorfall. Der Täter, ich werde ihn im weiteren Verlauf Alfons nennen, war in den Verkaufsraum gestiefelt und hatte sich an den Regalen mit den Spirituosen herumgedrückt. Dabei lauerte er anscheinend nur auf den Moment, in dem der Tankwart von anderen Kunden abgelenkt sein würde. Als er diesen Moment gekommen sah, griff er beherzt zu und steckte eine Bierdose in die Jacke.
Leider war der Angestellte aufmerksamer, als Alfons gedacht hatte. Der Tankwart sprach ihn an, ließ ihn die Dose zurück stellen und erteilte ihm kurzerhand Hausverbot. Auch Alfons‘ Einwand, er habe den Verkaufsraum doch noch gar nicht verlassen, half ihm nicht, denn die Tankstelle fährt da ein ganz rigoroses Programm. Also trollte sich Alfons enttäuscht aus dem Laden, ohne aber das Gelände zu verlassen.
Als der aufmerksame Tankwart gerade mit zahlenden Kunden abgelenkt war, nutze Alfons die Situation aus, betrat den Verkaufsraum und steckte eine Flasche Wodka-Lemon ein. Danach flüchtete er geradezu panisch und vergaß sogar „sein“ Fahrrad.
Der Tankstellenangestellte kannte Alfons vom Sehen und wusste, dass dieser häufig auf einem Parkplatz in der Nähe mit Obdachlosen herumhängt. Leider konnte er nicht mit Alfons‘ Namen aufwarten.
Wir sahen uns also gemeinsam das Überwachungsvideo an und siehe da: Wir kannte beide Alfons aus anderen Einsätzen! Zu unserem Leidwesen kamen wir aber auch nicht auf seinen Namen, was bei mir daran lag, dass ich ihn auch noch nie gekannt hatte.
Meine ersten beiden Erlebnisse mit Alfons waren sehr unterschiedlich und lagen noch gar nicht lange zurück. Am Wochenende zuvor war unser Ladendieb zunächst sogar als Helfer aufgetreten. Ein Opfer einer Körperverletzung an gleicher Stelle, hatte schwere Gesichtsverletzungen davongetragen, wollte aber ob seiner fast vier Promille partout nicht mit ins Krankenhaus. Alle Engelszungen halfen nicht. Auch nicht die russischen von Alfons. Das polnische Opfer ließ sich erst vom nachgeforderten Notarzt und von der Möglichkeit umstimmen, von einem Kumpanen begleitet zu werden.
Einige Stunden später trafen wir Alfons in einem anderen Teil der Stadt dabei an, wie er sich an abgestellten Fahrrädern zu schaffen machte. Auf die Frage hin, was er denn da treibe, antwortete er ganz ehrlich: „Ich suche nur nach einem offenen Fahrrad, mit dem ich nach Hause fahren kann.“. Von so viel Frechheit überrascht erteilte mein Kollege ihm einen Platzverweis und bevor wir Alfons‘ Personalien feststellen konnten, mussten wir zu einer nahe gelegenen Disco, wo sich eine Körperverletzung mittels einer Abgebrochenen Bierflasche ereignet hatte.
Alfons‘ Gesicht hatte ich mir allerdings für später gemerkt, was sich jetzt auszahlen sollte. Mein Streifenführer wusste zu berichten, dass Alfons bei den Kollegen der Bundespolizei auch kein gern gesehener Gast ist, weil er da versucht hatte, einem Beamten die Dienstwaffe zu entreißen. Dieses Verfahren war auch noch in der Schwebe. Alfons war also ein ganz schönes Früchtchen.
Wir nahmen also die Daten für die jetzige Anzeige auf, stellten das zurückgelassene Fahrrad sicher und ich schob dieses dann zur unweiten Wache der Bundespolizei. Hier schloss ich das Fahrrad an, damit es am nächsten Tag von unserem Fahrdienst abgeholt werden konnte und betrat mit dem Kollegen die Wache.
Binnen weniger Minuten konnten uns die Kollegen mit dem Namen unseres Diebes aushelfen, denn die Geschichte mit der fast entrissenen Pistole war bei ihnen natürlich in Erinnerung geblieben.
In der Gewissheit gerade zwei Straftaten aufgeklärt zu haben, fuhren wir nun zu unserer Wache, um noch mehr Papier mit Buchstaben und Paragraphen zu füllen. Dabei hatten wir aber nicht mit Alfons‘ krimineller Energie gerechnet.
Kaum hatten wir vor den PC’s platzgenommen, kam die Meldung herein, dass in der Nähe ein Radfahrer Außenspiegel von geparkten PKW abtreten solle. Ihr ahnt es sicher, so wie es auch uns schwante: Das klang doch sehr nach Alfons, der sich mit den geklauten Getränken Mut angetrunken hatte.
In diesem Verdacht sahen wir uns auch unmittelbar bestätigt, als über Funk die Personenbeschreibung kam. Treffer! Sie passte genau zu unserem Alfons!
Und genau der kam uns nun gemütlich aus Richtung Tatort entgegen geradelt. Natürlich auf einem anderen Fahrrad, denn das vorherige stand ja bei der BuPoli.
Wir sprangen aus dem Auto und der Kollege sprach Alfons sofort an. Der gab sich gänzlich überrascht und unschuldig. Die Kollegen von der Bundespolizei hatten uns noch den Hinweis mit auf den Weg gegeben, dass Alfons als gewalttätig und als Drogenkonsument bekannt ist. Also fackelte mein Kollege nicht lange und sprach ihn direkt zu Boden. Dort angelangt wurde das Früchtchen von uns gefesselt. Auf unsere Frage, wo er denn dieses Fahrrad jetzt wieder her habe, sagte er nur: „Das ist meins, das habe ich bezahlt!“. Da brannte mir natürlich eine weitere Frage auf der Zunge: „Wem gehörte denn dann das Fahrrad vorhin an der Tankstelle?“. Darauf kam nur ein „Ich weiß nicht wovon sie sprechen“. so viel Ehrlichkeit konnte man dann doch nicht von Alfons erwarten.
Bei der Durchsuchung kamen dann auch noch die Scherben der vorher entwendeten Flasche in der Innentasche seiner Jacke zum Vorschein.
Die Kollegen, die den jetzigen Tatort angefahren hatten, stellten dort mindestens sieben zum Teil schwer beschädigte PKW fest. Laut der Anruferin hatte Alfons es nicht dabei belassen, in seiner Fahrrichtung Spiegel abzutreten, sondern hatte auch nochmal gewendet, um die Gegenseite auch abzuarbeiten! Als die ersten Polizeibeamten eintrafen, war er gerade dabei, ein Autodach mit einer Scherbe zu zerkratzen. Dies stellte er natürlich bei Sichtung des Streifenwagens ein und machte sich von dannen. Bei dieser Flucht war er uns dann direkt in die Arme gefahren, weil wir gemeiner Weise von der anderen Seite aus angefahren waren.
Nun lag er da auf dem Bauch und versuchte zumindest verbal wieder die Oberhand zu bekommen. „Ey ich wehre mich doch gar nicht, warum bin ich gefesselt?“. Ich antwortete ihm: „Wenn man schon mal versucht hat, einem Kollegen die Waffe zu entreißen, muss man sich nicht wundern, wenn man mit Vorsicht genossen wird!“. „ich habe das gar nicht versucht. Der Kollege war eine Lusche und wenn ich die Waffe wirklich gewollt hätte, wären da jetzt alle tot.“. Ich konnte mir ein „Und weil du so ein Held bist und wir eben keine Luschen sind, bekommst du jetzt auch keine Chance das zu beweisen!“ nicht verkneifen. Alfons‘ konnte dieser Bemerkung wohl nichts Positives abgewinnen und so brabbelte er weiter irgendetwas von schlechter Behandlung.
Zwischenzeitlich war auch noch die Information durchgekommen, dass Fonsi vor der Tankstelle noch ein anderes Geschäft heimgesucht hatte und dabei ebenfalls erwischt worden war. Heute war wohl nicht sein Tag, aber noch weniger der seiner Opfer.
Unter wilden Beleidigungen und Verwünschungen steckten wir Alfons in den Fond des Streifenwagen und schnallten ihn an. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, neben ihm Platz nehmen zu dürfen. Er hatte reichlich getankt und so roch er dann auch. Wegen seines bisherigen Verhaltens fuhren wir mit Musik und Lichtshow ins Gewahrsam. Während der einigermaßen holprigen Fahrt meinte Fonsi sich auch noch abschnallen zu müssen. Da ich mich nicht während einer Einsatzfahrt über einen Delinquenten beuge und versuche ihn wieder zu sichern, kullerte unser Fahrgast schläfrig hin und her, nicht ohne sein Nickerchen immer wieder mit Beleidigungen zu unterbrechen.
Im Gewahrsam angekommen, spulten wir die gewohnte Routine ab. Dazu gehört leider auch eine intensive, körperliche Durchsuchung. Diese ist nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für uns äußerst unangenehm. Wir bekommen dabei von dem Eingelieferten viel mehr zu sehen, als wir wirklich wollen und schön ist der Anblick nun wirklich nicht.
Fonsi musste sich zwischendurch immer wieder hinsetzen, um nicht umzufallen. Bei einer dieser Pausen beschwerte er sich über unseren nun doch schon deutlich angenervten Ton: „ihr habt keinen Respekt vor mir!“. Darauf erwiderte ich: „Weswegen sollte ich den auch haben? Respekt muss man sich verdienen aber bestimmt nicht mit Straftaten!“. Sein Wortschwall wollte nicht abebben, sodass mein Streifenführer Alfons daran erinnerte, dass wir noch nicht mit der Durchsuchung fertig seien. Fonsi musste noch den unangenehmsten Teil für beide Seiten über sich ergehen lassen, nämlich das Auseinanderhalten der ganz oberen Oberschenkel auf der rückwärtigen Seite, um sicherzugehen das er keine Kalaschnikow in das Heck eingeführt hatte. Alfons verstand den Sinn der Maßnahme gar nicht und verwechselte unser Interesse mit sexuellen Avancen, die er strickt ablehnte. Uns lag aber auch nichts ferner. Wir mussten halt die Gewahrsamsordnung einhalten, die diese Durchsuchung zwingend vorschreibt.
Fonsi war jetzt wieder in seiner Supermann-Phase. Er bezeichnete uns jetzt auch als Luschen, die sich nur zu mehreren und bewaffnet groß fühlen würden. Er lud uns zu privaten Treffen ein, einzeln natürlich, bei denen er es uns dann schon zeigen würde. Ich vermute, dass er mit „es“ nicht sein Rektum meinte, das er immer noch nicht offenbart hatte.
Fonsi im Adamskostüm wurde immer provozierender. Er stand vor meinem Kollegen, reckte das Kinn herausfordernd nach vorn und versuchte schließlich meinen Spannmann wegzustoßen. Das war ein Fehler, denn Fonsi hatte wohl nicht halb so viel drauf, wie er selbst annahm. Ratzfatz lag er erneut auf dem Boden, ohne dass ich auch nur hätte aufstehen müssen. Mein Kollege hatte den Helden alleine ganz gut im Griff. Beim Verbringen in die Zelle half ich meinem Kollegen dann aber doch. Alfons war in diesem Gewahrsam kein Unbekannter, hatte er doch erst die Nacht vor unserem ersten Zusammentreffen dort verbracht.
Als wir uns an die Schreibarbeit machen wollten, erklärte uns der Gewahrsamsbeamte dann auch noch, dass unser neuer Freund HepC und HIV positiv sei.
Das Dienstende war längst verstrichen und wir hatten noch viel Arbeit vor uns. Unsere Anfrage bei den Kollegen der Kripo, ob wir wohl den Haftgrund der Wiederholungsgefahr begründet bekämen, wurde negativ beschieden. Man sah zwar ein, dass Fonsi eine tickende Zeitbombe war, aus Erfahrung erklärten uns die Kollegen aber, dass kein Richter Alfons auf Dauer einsperren würde.
Aber auch so war es mit der Blutprobe, den diversen Strafanzeigen und Sicherstellungen noch genug Arbeit. Ich konnte gegen 23:00 Uhr die Wache verlassen, wohl wissend, dass ich am nächsten Tag noch zwei Unfallanzeigen fertigstellen musste. Mein Kollege konnte erst weit nach Mitternacht gehen, auch noch mit einem Arsch voll Arbeit vor dem Bauch.
Am nächsten Tag wollte es der Zufall, dass wir zwei wieder gemeinsam eine Streifenwagenbesatzung stellten. Als wir am Bahnhof einen Unfall aufnahmen, erblickten wir zu unserer Überraschung Alfons auf der „Platte“, dem örtlichen Drogentreffpunkt. Und oh Wunder, oh Wunder, Fonsi hatte wieder ein anderes Fahrrad dabei!
Selbstverständlich sprachen wir ihn an und kontrollierten sein Fahrrad und seinen Atemalkoholwert. Das Fahrrad lag nicht als gestohlen ein und der Promillewert reichte nicht für Sanktionen aus, obwohl er für die Mittagszeit schon beachtlich hoch war. Alfons hatte offensichtlich keinerlei Erinnerung mehr an unsere Personen, denn er erzählte uns stolz, dass er die letzte Nacht im „Hotel ohne Klinke“ verbracht hatte. Er legte auch wieder eine gewisse Überheblichkeit an den Tag, indem er uns erneut mit Anzeigen drohte. Wir vermittelten ihm, dass wir ihn im Auge hätten und ließen ihn ziehen, ohne uns von seinen Sprüchen beeindrucken zu lassen.
Nach kurzer Zeit, wir nahmen gerade eine Objektschutzmaßnahme wahr, hörten wir über Funk, dass wieder ein Radfahrer unterwegs war, der Autospiegel abtrat. Da wir wussten, dass Alfons wieder auf freiem Fuß weilte und es zum Glück nicht viele Menschen gibt, die am helllichten Tag zu solchen Aktionen neigen, war uns sofort klar, wen die Kollegen da suchten. Und richtig! Alfons wurde erneut geschnappt und In Gewahrsam genommen.
Wir telefonierten kurz mit unseren Kollegen, die es diesmal mit ihm zu tun hatten, um sie über die gestrigen Vorfälle zu informieren. Diesmal telefonierte einer der Kollegen selbst mit dem Staatsanwalt und dem Richter. Und siehe da: Der Haftgrund der Fluchtgefahr wurde begründet und der vorläufige Haftbefehl gegen Alfons erlassen!
Leider bedurfte es dafür erneuter Straftaten von Alfons. Aber zumindest darauf kann man sich anscheinend bei ihm verlassen. Er besitzt überhaupt kein Unrechtsbewusstsein und hat es sich wohl zum Hobby gemacht, auf dem Nachhauseweg Fahrräder zu stehlen und Autospiegel abzutreten. Jetzt muss er halt die Konsequenzen aus seiner antisozialen Leidenschaft tragen. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, aber sie mahlen!

Verschwommene Wahrnehmung 2.0


Zunächst möchte ich mich für die große Resonanz auf meinen letzten Blogartikel bedanken. Auch wenn nicht alle Kommentare sachlich waren, habe ich sie dennoch alle freigeschaltet. Denn trotz der teilweise negativen Einträge sehe ich eines meiner Ziele erreicht: Unterschiedliche Ansichten werden mit Worten und NICHT mit Gewalt ausgetragen! für meine Begriffe ist das schon ein Erfolg. Der eine oder andere Kontakt im Zusammenhang mit „Verschwommene Wahrnehmung“ hat mir auch bewiesen, dass nicht alle „Fußballfans“ auch gleichzeitig hirnlose Randalemacher sind. natürlich gibt es diese, aber auch auf Seite der Polizei sind nur Menschen und wo Menschen sind, sind auch Fehler. Diese Tatsache war aber auch gar nicht Thema meines Artikels. Sinn war es auch nicht, alle Fußballfans als tumbe Prügelknappen darzustellen. Mein Anliegen war es, etwas Sensibilisierung dafür zu erreichen, dass die eigene Sicht, nicht immer die einzige Sicht ist und dass man die freie Meinungsäußerung auf allen Seiten akzeptieren muss.
So mancher hat damit anscheinend noch ein Problem. für diese Personen ist es scheinbar in Ordnung, wenn von einem Fan über Vorfälle berichtet wird, wobei die Polizei ein Stück weit ins Lächerliche gezogen wird. Wenn dann aber einer von der „Gegenseite“ es wagt, dazu auch seinen Senf abzugeben, bricht auf einmal tiefste Empörung aus!
Da werden hanebüchene Vergleiche angestellt (der Begriff „Möchtegern-Hooligans“ wird mit dem Schimpfwort „Bullenschweine“ gleichgesetzt), an den Haaren herbeigezogene Anschuldigungen werden bemüht (Verstoß gegen das Telemediengesetz) und der Artikel als Nonsens bezeichnet.
Gut, die Kommentare fallen auch alle unter die Meinungsfreiheit und werden deshalb von mir akzeptiert. Ich erspare es mir selber, auf jeden einzelnen zu reagieren, denn das würde den mir zur Verfügung stehenden Zeitrahmen deutlich übersteigen.
Aber ein paar Anmerkungen habe ich schon noch zu machen. Ich war an dem betreffenden Abend nicht anwesend und betone dies in meinem Artikel auch extra. Dennoch kann ich auf die Erfahrungen von mehr als einem Jahrzehnt in Einsatzhundertschaften zurückblicken. Fast zehn Jahre davon habe ich in der Einsatzhundertschaft Münster verbracht, neun davon bei der technischen Beweissicherung (BeSi). Ich habe unzählige Fußballeinsätze miterlebt, die meisten davon mit der Videokamera begleitet. Zu den Aufgaben der BeSi gehört es ausdrücklich, beweissichernde Aufnahmen zu machen – und zwar auf beiden Seiten! Aus meiner Vergangenheit kann ich sagen, dass diesem Auftrag im Rahmen der Möglichkeiten auch nachgekommen wird.
In den vielen Jahren meiner Tätigkeit in diesem Bereich, habe ich bestimmt auch schon so manchen der hier echauffierten Fans persönlich getroffen. Ich weiß also durchaus, wovon ich spreche.
Wenn ich die Rechtsbrüche, die ich mit der Videokamera dokumentiert habe Revue passieren lassen, ist es eine Tatsache, dass die Rechtsbrüche nur zu einem verschwindend geringem Anteil von Kollegen begangen wurden. Ja, es ist vorgekommen, aber im Vergleich zu den Rechtsbrüchen der „Fans“ im kaum messbaren Bereich. Dies sind meine ERFAHRUNGEN, die mir niemand nehmen kann und es grenzt an Frechheit, mir diese abzusprechen.
Ich wollte mit meinem Artikel aufzeigen, dass auch auf Seiten der Polizei Menschen stehen, die bestimmte Befindlichkeiten haben und nicht alles immer unwidersprochen hinnehmen wollen.
Wenn man das Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch nimmt, MUSS man es anderen auch zugestehen.
Ich tue das und hoffe darauf, dass man mir dieses Recht nicht abspricht.
Ich kenne übrigens die SKB (Szenekundigen Beamten) in Münster persönlich und habe mich schon oft mit diesen unterhalten. Und ja, ich habe Fußballfans in meinem Bekanntenkreis! Wer hätte das gedacht?
Wer diese letzten Bemerkungen nicht versteht, sollte in den Kommentaren zu „Verschwommene Wahrnehmung“ nachlesen. Dann ergibt sich das schon!
Ich habe mich, wie es scheint, etwas unklar ausgedrückt, was das „Umrennen“ des Kindes anbelangt. Ich rechtfertige in keiner Weise das Verhalten der Kollegen, wenn es denn so war. Allerdings bin ich auch Familienvater und bin mir meiner Sorgfaltspflicht meinen Kindern gegenüber sehr bewusst. Die betreffende Situation ist nunmal eine, in die ich meine Kinder nicht bringen würde – nicht mehr und nicht weniger! Da war der Vater in mir mehr Vater des Gedankens, als der Polizist.
Im Grunde bin ich immer für den Dialog – auch mit Fußballfans. Doch wie schon beschrieben ist das nicht immer so einfach, weil gerade bei den „Fans“ oft eine vorgefertigte Meinung uns gegenüber herrscht. Es ist nunmal kein gelungener Gesprächseinstieg, wenn man die Polizei schon beim Eintreffen mit „Bullenschweine“ tituliert. Jetzt kommt bestimmt der Einwand, dass diese Vorverurteilung auch auf Erfahrungen beruht. EBEN! Wir haben alle unsere Erfahrungen gemacht. Manchmal gute, manchmal schlechte. Aber wenn wir niemandem die Chance geben, neue und andere hinzuzufügen, hilft alles Schimpfen nichts. Da gilt dann einfach „wie man in den Wald ruft…“. Ich habe die neue Erfahrung gemacht, dass man mit einigen Fans eben doch anderer Meinung sein kann, dass aber deswegen nicht gleich zu gewalttätigen Konflikten führen muss. Diese Erfahrung ist mir wichtig.
Kontext meines ganzen Geschreibe soll eigentlich sein: Wir sind alle Menschen! Lasst uns das nicht vergessen und uns gegenseitig so behandeln. Hasstiraden helfen nichts und ab und zu muss man Kritik einfach mal aushalten. Ich kann das, sonnst hätte ich die vielen kritischen Kommentare nicht freigeschaltet!

Verschwomme Wahrnehmung


Diesmal möchte ich einen Blogeintrag eines Fans des SC Preußen Münster kommentieren:

Zum Blogeintrag „Nächtliche Lehrstunde“ .

Ich bin von einem Kollegen gestern auf dieses Blog hingewiesen worden. Dafür an dieser Stelle danke.
Bei der Lektüre des Beitrages, kamen mir trotz recht amüsanter Schreibweise doch ein paar Fragen hoch.

Zunächst, was macht ein Zehnjähriger gegen 22:30 Uhr in einer Horde zu diesem Zeitpunkt schon stark alkoholisierter Fußballfans? Der Verfasser des Berichtes gehört wohl zu dem selbsternannten harten Kern der Fans, vermutlich zur „Curva“, einer Gruppierung aus Möchtegern-Hooligans. Da ist natürlich die Nachwuchsförderung gefragt, damit die Sprösslinge bloß ein gestörtes Verhältnis zur Rechtsordnung bekommen.
Die Vorfälle selbst kann und will ich nicht beurteilen, da ich selber nicht zugegen war. Meine Kenntnisse aus über zehn Jahren Hundertschaftsdienst und der hier diffamierten Kollegen legen aber nahe, dass ich wage zu bezweifeln, hier einen objektiven Tatsachenbericht zu lesen.
Der Schreiberling versucht hier, das betreffende Lokal als rechtsfreien Raum zu definieren, in dem nur Preußenfans, auf gar keinen Fall aber die Polizei etwas zu suchen oder gar zu sagen haben.
Für die betroffenen „Fußballfans“ zum Mitschreiben: der „Berliner Bär“ steht auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland, respektive in Nordrhein Westfalen. Damit fallen Vorgänge darin und davor unter die deutsche Gesetzgebung. Selbstverständlich ist das Eingreifen der Polizei bei Rechtsbrüchen jeder Art hier nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten. Ich weiß, dass die Herren und wenige Damen das selbst nüchtern nicht wirklich akzeptieren wollen. Der Vorwurf, der dem Kollegen zu machen ist, beschränkt sich lediglich darauf, dass er versuchte diese Tatsache den Betreffenden im volltrunkenen Zustand zu vermitteln! Also die Betreffenden waren volltrunken, nicht der Kollege! Aus eigener Erfahrung mit den besagten „Fußballfans“ kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass sie in diesem Zustand nicht nur beratungs- sondern auch intelligenzresistent sind.
Was wünschen sich solche Leute denn nun? Soll bei Verstößen gegen die öffentliche Ordnung die Polizei gleich zum unmittelbaren Zwang greifen? Reden scheitert ja offenbar an der Geeignetheit des Mittels.
Der Verfasser beschreibt hier sehr treffend, dass es in diesen Kreisen durchaus normal und akzeptiert ist, die Polizeibeamten als „Bullenschweine“ zu beschimpfen. Wenn es in seinem Umgang normal ist, als Begrüßung das Gegenüber erstmal durchzubeleidigen, tut mir das Leid für ihn. Das scheinen doch recht armselige Umgangsformen zu sein, die nicht auf einen Horizont schließen lassen, der zur Kindererziehung geeignet ist. Es sei denn natürlich, man strebt eine Zukunft für diese im gleichen Milieu an. Dann tun mir wiederum die Kinder Leid, denn sie werden schon von klein auf zur sozialen Inkompatibilität erzogen. Ja, ich wage es, diesen so angeprangerten Begriff hier auch zu verwenden! Wer mit den Vorschriften und Gesetzen einer Gesellschaft nicht konform läuft und diese ständig missachtet, IST sozial inkompatibel! Für meinen Teil kann es nicht angehen, dass die Allgemeinheit ständig unter den verqueren Ideen und Ansichten einer solchen Minderheit zu leiden hat. Nichts anderes sind sie nämlich, eine Minderheit, die ständig versucht, ihre Anliegen zu verallgemeinern.
Diese allgemeinschädliche Einstellung kann man auch nicht hinter zugegebenermaßen humoristische Zügen verbergen. Fußballfans sind keine Verbrecher. Dieser Aussage kann ich durchaus zustimmen. Denn einen Fußballfan macht in erster Linie eines aus: Die Liebe zum Sport an sich!
Wenn ich im Stadion dann aber “ Fußballfans“ sehe, die vom Spiel selber gar nichts mitbekommen, weil sie ständig auf der Suche nach Wegen zur Selbstdarstellung sind, bezweifle ich deren Fansein genauso, wie ihren Wert für den Verein.
Ich finde es mehr als verdächtig, dass die Auslöser für den polizeilichen Einsatz hier so bewusst verschwiegen und verniedlicht werden. Ein paar Böller hier, ein wenig Gerangel da und daneben noch ruhestörender Lärm, dass ist doch keine große Sache. Nein ist es nicht, wenn man der Verursacher ist. Als Unbeteiligter Betroffener, sieht das sicher ganz anders aus.
Abschließend möchte ich betonen, dass ich diesen Kommentar hier aus eigener Initiative verfasst habe. Die Kollegin und der Kollege sind mir zwar wie erwähnt persönlich bekannt, wir haben uns aber nicht eingehend über die Geschehnisse an diesem Tag unterhalten. Es ist mir einfach ein Bedürfnis, solche Hetztiraden nicht unkommentiert zu lassen. Dieser Beitrag ist allein meine persönliche Meinung, die nicht der, der Polizei Münster entsprechen muss.
Zu den „netten“ Kommentaren unter dem Blogbeitrag lasse ich mich lieber erst gar nicht aus, weise aber sehr wohl auf eine eventuell strafrechtliche Relevanz der Verwendung der viel genannten Abkürzung (die ich bewusst hier nicht wiederhole) hin.
Fußballfans sind keine Verbrecher, schließen sich aber nicht grundsätzlich gegenseitig aus!

Die Wirrungen des Lebens


Neulich, nach dem Einsatz mit dem beißenden Hund, nahm ich mit meinem Kollegen einen Verkehrsunfall auf. Die Sachlage erschien uns beiden recht klar. Der von uns bestimmte Unfallverursacher sah das aber ganz anders.
Er war der Meinung, dass der Fahrer des von ihm beim Spurwechsel beschädigten Fahrzeuges doch ganz sicher zu schnell gewesen sei. Ich fragte ihn daraufhin, wie wir das denn im Nachhinein noch feststellen sollten? Außerdem ist für uns nunmal der Verstoß ausschlaggebend, der für den Unfall ursächlich war. Wäre er seiner Sorgfaltspflicht beim Fahrspurwechsel nachgekommen, hätte das schädigende Ereignis verhindert werden können.
Der etwas verwirrt wirkende Unfallpilot konterte: „Ich konnte den aber gar nicht sehen, er war im toten Winkel!“. Meine Frage darauf kam wie aus der Dienstpistole: „Haben sie schonmal etwas vom Schulterblick gehört?“. Nach einer sehr kurzen, betretenen Pause antwortete der Herr: “ Den kann ich ja nicht machen, weil ich dann nicht mehr sehe, was vor mir passiert.“. Diese Antwort überraschte den Kollegen und mich dann doch. Sollte der Gesetzgeber tatsächlich diese Gefährdung durch seine Vorschrift übersehen haben? War die Straßenverkehrsordnung gar eine Straßenverkehrsunordnung? Ääääh, nein!
Dazu kam noch, dass die Zeugenaussagen des Unfallgegners und dessen Beifahrerin etwas ganz anderes nahelegten. Beide sagten nämlich aus, dass sie das Unheil hatten nahen sehen, weil der Bruchpilot ganz gemächlich auf ihre Spur gezogen war. Es gab nur eine fifty-fifty Chance: Vollbremsung oder Gas geben. Der Fahrer hatte letztere gewählt und war enttäuscht worden.
Diese Aussagen wurden durch die Unfallspuren an den Fahrzeugen noch untermauert. Der Verursacher hatte den Schaden vorne rechts, der Geschädigte hinten links. Also war der andere schon fast am Träumer vorbei gewesen, als dieser die beiden PKW kaltverformte. Nix mit totem Winkel, es sei denn, der Herr hatte mit dem Rücken zum Lenkrad gesessen! Das traute ich wiederum nichtmal diesem Verkehrsteilnehmer zu.
Alle Argumente brachten den Unfallfahrer dazu, das Verwarnungsgeld nicht anzunehmen und uns die Mühe einer Verkehrsunfallanzeige aufzubürden. Wir zogen uns also mit den Papieren in unseren Streifenwagen zurück, um den unnötigen Schriftkram zu erledigen.
Nachdem wir ordnungsgemäß die Unfallmitteilungen ausgefüllt hatten, machte ich noch ein paar Kreuze auf dem Erhebungsbogen und mein Kollege stieg aus, um den Beteiligten ihre Papiere nebst Mitteilungen auszuhändigen und den weiteren Verlauf der Sache zu erklären. Er wechselte noch kurz ein paar Worte mit den Beteiligten, die dann auch ihre Wagen bestiegen und zumindest das Pärchen fuhr auch sogleich davon. Der Stuntfahrer werkelte noch mit seiner Brieftasche an der geöffneten Fahrertür seines Autos herum, während der Kollege zu mir in den Funkstreifenwagen einstieg und ich den Wagen wendete. Als wir gerade auf die Unfallstraße einbiegen wollten, kam der Herr wild gestikulierend hinter uns her. Trotzdem ein pünktlicher Feierabend schon unmöglich geworden war, stieg der Kollege nochmals aus und fragte nach seinem Begehr.
Der Mann vermisste seinen Personalausweis und unterstellte uns unterschwellig, dass wir diesen einbehalten hätten. Mein Spannmann erklärte ihm, dass dies nicht so sei, da alle Papiere vom Armaturenbrett des Streifenwagens verschwunden seien, wo sie während der Unfallaufnahme gelegen hatten. Das überzeugte den Herrn aber nicht. Er durchsuchte nochmals seine Brieftasche, sämtliche Taschen seiner Kleidung, sein Auto und mit dem Kollegen zusammen den Boden des Umfeldes. Fehlanzeige! Ich sah indessen in unserem Auto nach, ob der Ausweis vielleicht zwischen die Sitze gerutscht war. Mein Partner war sogar noch so freundlich und rief den anderen Beteiligten auf dem Handy an, ob dieser versehentlich den Ausweis ausgehändigt bekommen hatte. Dem war aber nicht so.
Hilflos stand der Unfallfahrer neben unserem Wagen und fragte, was er denn nun machen sollte. Wir erklärten ihm, dass wir ihn informieren würden, falls der Ausweis doch noch auftauchen sollte. Seine Erwiderung war nur: “ Dann muss ich den jetzt auch noch neu beantragen, oder was?“. Da unsere Geduld bereits am Ende war, verabschiedeten wir uns und fuhren zur Wache.
Natürlich musste ich einen Zug später nach Hause nehmen. Als ich am Heimatbahnhof ankam, stellte ich zu allem Überfluss noch fest, dass irgend ein Vandale meinen Fahrradscheinwerfer als Ziel seiner Aggressionen erwählt hatte. Dieser war abgebrochen und fehlte gänzlich! Dankeschön! Da ich meine Uniform trug und mir meiner Vorbildfunktion stets bewusst bin, schob ich mein ramponiertes Fahrrad den ganzen Weg nach Hause. Ein toller Abschluss für einen ereignisreichen Tag.

P.S. Der Ausweisverlierer rief am nächsten Tag auf der Wache an und teilte dem Kollegen verschämt mit, dass er seinen Perso zwischen den Sitzen gefunden habe. Also war die ganze Verzögerung nur darauf zurückzuführen, das er es geschafft hatte, innerhalb weniger Augenblicke zu vergessen, wo er das Ding denn gelassen, geschweige denn, dass er es überhaupt wieder in der Hand gehabt hatte. Herzlichen Glückwunsch! So jemand darf in Deutschland Auto fahren.

Hundstage


Heute will ich von einem Erlebnis berichten, das brandaktuell, weil heute geschehen, ist.
Mein Kollege und ich hatten schon ein paar Stunden Spätdienst hinter uns, als uns ein äußerst unangenehmer Einsatz ereilte.
Ein Hund hatte einen Menschen angefallen und verletzt. Diese Meldung war bei unserer Leitstelle von der Feuerwehr eingegangen. Ein Rettungswagen war schon vor Ort und hatte noch einen Notarzt nachgefordert. Das hieß für uns, dass die Person wohl erheblich verletzt sein musste.
Mit Musik und Lichtshow fuhren wir zu der angegeben Adresse, da nicht bekannt war, wo der Hund verblieben war.
Als wir in die betreffende Straße einbogen, sahen wir schon den Rettungswagen und eine kleine Menschentraube, die um eine am Boden liegende Person herum hockte.
Bei der Person handelte es sich um eine ältere Frau, die offensichtlich schwer am Kopf verletzt war. Auch die erhebliche Menge Blut auf dem Boden, ließ darauf schließen.
Sofort erhob sich eine der am Boden knienden Frauen und kam auf mich zu. Ihre ersten Worte mir gegenüber waren nur: „Nehmen sie diesen Hund mit! Jetzt reicht es!“. Darauf wusste ich zunächst nichts geistreiches zu erwidern, da ich ja mit dem Sachverhalt noch gar nicht vertraut war. Ehrlich gesagt hatten mein Kollege und ich uns schon während der Anfahrt Gedanken gemacht, wer den Hund nötigenfalls erschießen würde. Die Wahl war auf mich gefallen, aber ich konnte weit und breit keinen Vierbeiner entdecken.
Ich fragte deshalb: „Wo ist der Hund denn jetzt?“. Die Frau, die sich als Nachbarin sowohl der Hundehalterin als auch des Opfers herausstellte, antwortete: „Der ist wieder im Haus! Aber sowas ist ja jetzt nicht zum ersten Mal passiert!“.
Der armen Frau am Boden konnte man indessen die Schmerzen ansehen. Erst als der Notarzt ihr Medikamente verabreichte, entspannte sie sichtlich. Damit schied sie aber auch für uns als Zeugin aus.
Wir bekamen dann recht schnell heraus, dass die Hundehalterin ebenfalls bei der kleinen Gruppe der Erstversorger hockte. Da sie selbst Ärztin war, hatte sie die Sofortmaßnahmen eingeleitet. Jetzt hatten aber die Rettungskräfte übernommen, sodass wir mit ihr sprechen konnten.
Ihre ersten Worte uns gegenüber waren: “ Nehmen sie den Hund bloß mit!“. Hm, kam mir irgendwie bekannt vor. Aber wenn selbst die Besitzerin den Hund hier nicht haben wollte, warum war er denn dann immer noch hier?
Wir erfuhren, dass die unfreiwillige Besitzerin der „Bestie“ mit ihrer Tochter nach Hause gekommen war. Sie hatte als Erste das Haus betreten, gefolgt von ihrer Tochter. Diesen Moment hatte der zweite Hund der Familie dazu genutzt, an der Tochter vorbei ins Freie zu springen und bellend an der Grundstücksgrenze, die nicht umzäunt war, stehen zu bleiben. Die Tochter drehte sich um, rief nach dem Hund und konnte nicht verhindern, dass nun auch noch der andere Hund entwich.
Auf der anderen Straßenseite unterhielt sich das Opfer gerade mit einer Nachbarin. Vor Schreck erstarrt konnten die beiden Frauen nur mit ansehen, wie der Hund direkt auf die Geschädigte zulief und sie ohne Provokation anfiel. Da es sich um einen dreijährigen Boxermischling handelte, prallte er mit solcher Wucht auf sein lebendes Ziel, dass dieses sofort umfiel. In dieser Position hatte die Frau keine Chance, sich zu wehren oder gar zu fliehen. Der Hund verbiss sich sofort in der rechten Kopfhälfte seines Opfers. Nur das beherzte Eingreifen der Besitzerin und ihrer Tochter verhinderten noch schwerere Verletzungen. Der Hund wurde ins Haus gesperrt und die Erstversorgung des Opfers gesichert.
So weit, so schlecht. Die einzige Zeugin, die alte Dame mit der sich das Opfer unterhalten hatte, bestätigte im Wesentlichen diese Geschichte.
Nun hatten aber die herbeigeeilten Nachbarinnen noch mehr Details für uns parat. Bello war nämlich nicht aus heiterem Himmel ausgerastet, sondern war schon vorher sehr negativ in Erscheinung getreten. Seit zwei Jahren kämpfte wohl schon die gesamte Nachbarschaft darum, dass er diese verlassen sollte. Er hatte schon ein kleines Mädchen verletzt und einem Mann den Jackenärmel zerrissen. Ein Telefonat mit unserer Leitstelle belegte diese Informationen, weil in beiden Fällen eine Anzeige erstattet worden war. Die aufgebrachten Damen wussten zu berichten, das der Hund wohl schon zum Berserker wurde, sobald jemand auf dem Gehweg an dem Haus vorbei ging. Derjenige bekam dann wohl auch unaufgefordert das imposante Gebiss des Hundes zu sehen unter Begleitung von wütendem Gebell. Der Hund sprang dann nämlich jedesmal ans Fenster und erging sich in Drohgebaren.
Auf unsere Frage hin, warum das Ordnungsamt denn nichts unternommen habe, antworteten die Frauen: „Man hat uns gesagt, wir sollen uns melden, wenn wieder etwas passiert.“. Na danke! Wieder einmal musste etwas so Grausames passieren, bevor die zuständigen Stellen aus den Puschen kommen!
Das schwer verletzte Opfer war indessen in die Uniklinik gebracht worden, da es dort sowohl Gesichtschirurgen als auch Neurologen gibt, die bei derartigen Verletzungen wohl dringend geboten waren.
Wenn es nach der Hundebesitzerin gegangen wäre, hätten wir den Hund einfach mitgenommen, oder noch besser an Ort und Stelle erschossen. Letztere Möglichkeit schied aber in Ermangelung einer gegenwärtigen Gefahr komplett aus. Der Hund war ja wieder unter Verschluss und es war einzig und allein an der Besitzerin, dafür zu sorgen, dass das so blieb. Natürlich dachten wir auch nicht im Traum daran, dieses beißwütige Ungeheuer in unserem Streifenwagen zu transportieren. Es gab also nur zwei Möglichkeiten. Entweder brachte Frau Doktor ihr Haustier selbst ins Tierheim, oder wir bestellten die Abfall- und Wirtschaftsbetriebe, die Tiertransporte übernehmen. Die zweite Möglichkeit wäre aber mit Kosten für die Verursacherin des Debakels verbunden gewesen. Das passte der guten Frau aber gar nicht. Beim Tierheim sei sie mit dem Hund aber auch mehrfach gewesen und sei dort immer wieder abgewiesen worden, weil man dort keine unliebsamen Hunde einfach so einschläfere, so lange noch nichts passiert sei. Ob diese Aussage so stimmt, kann ich nicht überprüfen. Ich bezweifle allerdings, dass man im Tierheim keine Tiere annimmt. Natürlich wird dies nicht mit dem Ziel des Tötens geschehen, aber Sinn eines Tierheimes ist schließlich auch nicht die Entsorgung von unbequemen Hausgenossen, sondern deren Schutz.
Also telefonierte ich erneut mit unserer Leitstelle, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ich schlug vor, dass die Hundehalterin den Hund selbst ins Tierheim bringen solle und wir sie begleiten könnten, um die Tierheimangestellten von der Dringlichkeit der Isolierung des Tieres zu überzeugen. Dieser Vorschlag stieß auf Zuspruch, besonders weil durch die Freiwilligkeit vonseiten der Besitzerin eine amtliche Anordnung nicht erforderlich sein würde.
Wir unterbreiteten den Vorschlag der Hundehalterin, die sofort zustimmte. „Ich habe sowieso für morgen einen Termin beim Tierarzt, der den Hund einschläfern sollte. Ich habe ja auch gar keine Zeit für das Tier. Es macht so viel Arbeit.“. Aaah ja, die Arbeit, die der Hund machte, war also schlimmer als sein Aggressivitätsproblem! Das Tier sollte sterben, weil es unbequem und nicht weil es gefährlich war! Eine seltsame Einstellung, die auch nicht von viel Tierliebe zeugte. Bei mir machte sich die Frage breit, was denn der zweite Hund der Familie anstellen musste, um ebenfalls dem Henker ausgeliefert zu werden?
Wie besprochen fuhren wir in getrennten Autos zum nahegelegenen Tierheim. Es gab überhaupt keine Probleme, den Hund dort unterzubringen. Ich bezweifle, dass dies mit unserer Anwesenheit zusammenhing. Während das Tier dem Heim übereignet wurde, stritt Frau Doktor vehement ab, dass es schon vorher Anzeichen dafür gegeben habe, dass ihr Haustier eine tickende Zeitbombe sein könnte. Bei den vorherigen Fällen sei nicht bewiesen worden, dass die Verletzungen des Mädchens durch den Hund verursacht worden seien. Von dem zerrissenen Jackenärmel wollte sie gar überhaupt nichts wissen!
Bello wartet nun auf seine Hinrichtung. Wenn er das wüsste, stellte er sich wahrscheinlich die Frage, ob er mit seinem ehemalige Straßenköterdasein in Griechenland nicht doch besser bedient gewesen wäre? Das war nämlich sein vorheriges Leben gewesen, bevor Frau Doktor ihn „erlöst“ hatte.
Jetzt hatte seine Erlöserin ihren Willen bekommen. Leider liegt deshalb jetzt eine vollkommen unbeteiligte Frau mit schwersten Verletzungen im Krankenhaus. Immerhin bekommen die Hundehalterin und ihre Tochter nun noch mächtig Ärger. Vielleicht ist das Bellos Rache für sein kurzes, unschönes Leben.

Hier die örtliche Berichterstattung:

Münstersche Zeitung, 12.05.2011 (Onlineausgabe)

Westfälische Nachrichten, 12.05.2011 (Onlineausgabe)

Pressemitteilung der Polizei Münster

Assange für Arme


Neulich im – nein, nicht im Nachtdienst – Krankenhaus! Ich lag da so nutzlos rum und beschäftigte mich mit der zweitwichtigsten Sache der Welt – dem Internet.

Wie der gewogene Leser vielleicht weiß, bin ich auch bei der Microbloging Plattform Twitter recht aktiv. Dabei versuche ich so viele Informationen aus dem Gezwitscher heraus zu filtern, wie nur irgend möglich. Ich habe mir selbst die Aufgabe gestellt, dabei nicht nur die Nachrichten zu verfolgen, die immer meiner Meinung entsprechen. Um einen größtmöglichen Nutzen zu erzielen, versuche ich eine große Bandbreite an Meinungen abzufragen.

So kommt es, dass ich auch die Tweets der TAZ (Die Tageszeitung) verfolge, die man politisch wohl ganz unbedenklich als links einstufen darf. Die Artikel der TAZ sind häufig systemkritisch und heben sich deutlich vom „Mainstream Journalismus“ ab. Dies ist hier mal gänzlich wertfrei zu verstehen.

Ich stieß nun auf einen Artikel, bei dem es darum ging, ob man über die NPD berichten solle. Dabei kam der Autor zu dem Schluss, dass die NPD in Ermangelung von genügend medialer Resonanz, selbst für ihre Propaganda sorge, was wohl nicht im Interesse der Allgemeinheit liegen dürfte.

Mit dieser Aussage laufe ich nun vollkommen konform. Also dachte ich mir nichts Böses und klickte auf „Retweet“, was dazu führt, dass der eben gelesene Tweet unter Angabe der Quelle von mir erneut abgeschickt wird. Das dient dazu, solchen Meldungen eine höhere Verbreitung zu verschaffen. Dies sah dann im Original so aus:

RT @tazgezwitscher: #13Februar #Nazis taz-Kommentar zu NPD und Medien: Soll man über die NPD berichten. Ja, sonst macht sie’s selbst: http://tinyurl.com/64hsujg

Wie gesagt ging es mir dabei um diesen einen Artikel. Ich bin alles andere als politisch rechts gerichtet und unterstütze jegliche demokratische und rechtsstaatliche Initiative gegen diese braune Bedrohung der Menschlichkeit.

Es dauerte gar nicht lange, da wurde mir folgende Antwort angezeigt:

@PoetryCop ist ja spannend… du hör mal, da du ja taz gerne liest. schon mal an openleaks gedacht? bisschen interna? #13februar

Was sollte ich denn nun davon halten? Da ich ja wie erwähnt im Krankenhaus lag, mangelte es mir nicht an Zeit, sondern an Möglichkeiten, diese zu vertreiben. Also antwortete ich, weil ich mir das Begehren von wikinews030 nicht recht erklären konnte, wie folgt:

@wikinews030 Da brauche ich aber etwas mehr input. 😉

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, was dieser eine Satz auslöst, ich hätte ihn mir gespart. So bekam ich aber das, was ich mir gewünscht hatte, nämlich Input:

@PoetryCop ok… kein problem. etwas mehr input gibt es hier: 1.) http://wp.me/psdI6-TN 2.) blaues-tshirt-vorfall fsa 2009 #13februar


hm… @openleaksdotorg @openleaks daniel. wie lange braucht ihr für den start. wg anfrage von @PoetryCop


@PoetryCop aktuell zu heute hätten wir großen interesse an interna zu #drohnen #dresden WL nimmt noch nicht wieder an aber OLbald #13februar

Bitte? Was sollte das denn heißen? TAZ-Leser sind allesamt Revoluzzer, die für den Schlag gegen das System ohne mit der Wimper zu zucken, dienstliche Geheimnisse ausplaudern? Wollte man mich hier als lebendes Leck in der Staatsmacht aufbauen, weil ich mich erdreistete die linke Presse nicht nur zu lesen, sonder diese auch noch zu verbreiten? Sollte ich der Assange der provinziellen Staatsdienerschaft werden und mein Leben von nun an im Untergrund fristen? Außerdem, wovon zur Hölle sprach der da?

Ich bin ein einfacher Streifenbeamter in einer kleinen Großstadt in NRW. Da fängt der Haken ja schon an, denn Polizei ist bekanntlich Ländersache. Woher soll ich dann also wissen, was da in Dresden so los ist. Selbst wenn ich dort Dienst verrichten würde, hätte mein Dienstherr bestimmt besseres zu tun, als mich in allen Details über die Taktik bei diesem Großeinsatz zu informieren.

Gelinde gesagt irritiert antwortete ich:

@wikinews030 Weil ich die TAZ retweete, muss ich auch gleich unglücklich in meinem Job sein? Meine Einstellung gibt diese Seite sehr gut wieder: http://www.kggp.de . Ansonsten halte ich nicht viel davon, solche Geheimniskrämereien bei twitter breit zu treten. Ist doch wohl ein Widerspruch in sich, oder?


@wikinews030 Selbst wenn ich wollte, was nicht so ist, könnte ich darüber keine Informationen abgeben. Ich lebe und arbeite in NRW! Polizei ist Ländersache! #drohnen #dresden #13februar

Jeder halbwegs zu komplexen Denkprozessen fähige Drittklässler sollte nun verstanden habe, dass ich keineswegs als Informationsquelle für irgendwelche selbsternannten Weltverbesserer dienen wolte. Nicht aber wikinews030:

@PoetryCop 1. wennde glücklich im job bist ist doch schön, war und ist nicht thema. wennde unzufrieden bist mit einigen… ( #13februar


@PoetryCop …mit einigen entscheidungen über deinem kopf. oder in deiner direkten beamten-nachbarschaft. dann ist z.b. OL eine..(#13februar


@PoetryCop ..eine schicke adresse. z.b.zu interna #drohnen #dresden. du DARFST unzufrieden sein,wenn du ungesetzliches in deinem (#13februar


@PoetryCop ..in deinem direkten umfeldbemerkst.neonazi-gedankengut bei beamten,sadismus im amt…solche sachen.@openleaksdotorg

Wie überaus großmütig, dass ich unzufrieden sein DARF! Wann hatte ich denn irgendetwas in der Richtung geschrieben? Wem das noch nicht klar sein sollte, dem sei nun mitgeteilt, dass ich in meinem Beruf kaum zufriedener sein könnte. Der Job erfüllt mich mit Freude und gibt mir eine Zufriedenheit, die ich mir in kaum einem anderen Beruf vorstellen kann.

Außerdem klingt mir dieser Tweet ein bisschen nach: „Du bist total unzufrieden und traust dich nicht, es auch öffentlich zu sagen.“. Vielleicht interpretiere nur ich das dort hinein, aber man unterstellt mir hier unterschwellig, dass ich doch gar keine Ahnung habe, was um mich herum vorgeht und wie unglücklich ich damit bin.

Zutiefst entrüstet antwortete ich:

@wikinews030 Dann werde ich das aber nicht so handhaben, sondern das direkt angehen. In meinem direkten Umfeld läuft in der Richtung gar nichts. #13februar

Für mich war das die freundliche Art zu schreiben: „Ich bin schon groß und brauche eure Kindergarten-Revolution nicht!“. Das war aber für wikinews030 anscheinend noch zu subtil:

@PoetryCop schön,sicher,theorie super. wenn du praktisch einmal feststellst, das hilft nicht viel-> http://openleaks.org #13februar #drohnen

Ich gab es ernüchtert auf, diesem verbohrten Weltretter klar zu machen, dass er meine Welt schön in Ruhe lassen solle. Ich bin unter anderem Polizeibeamter geworden, um etwas verändern zu können. Das kann und mache ich auch im täglichen Dienst, indem ich im Kontakt mit dem Bürger zeige, dass wir auch nur Menschen sind, die zufällig eine Uniform tragen. Für mich ist es Revolution genug, wenn ich Nachbarn davon abhalten kann, sich wegen einer lautstarken Party an den Hals zu gehen, wenn ich Familien davor bewahren kann, unter Gewalt zu leiden, oder wenn ich auch nur einem Kind beibringen kann, dass es auch auf dem Zebrastreifen gut aufpassen muss.

Was soll sich denn ändern, wenn ich ganz geheim – auf Twitter! – darüber weine, dass mich mein Vorgesetzter nicht jedes Mal fragt, ob ich den anstehenden Einsatz auch wirklich wahrnehmen möchte? Was soll sich ändern, wenn anonym im Internet verbreitet wird, dass meine Kollegen Rassisten sind (was sie definitiv nicht sind!)?

Mir kommt es ein bisschen so vor, als wollten hier einige Hitzköpfe Weltpolitik spielen. Dabei ist ihnen jede Quelle recht. Ich bin mir fast sicher, dass wikinews030 vorher nicht meine Internetseite gelesen hat. Ansonsten hätte ihm klar sein müssen, dass dieses Anliegen mir gegenüber geradezu grotesk war. Wäre ich gar kein Polizeibeamter gewesen, und dafür hatte er ja keinerlei Beweise, hätte ich ihm auch das Blaue vom Himmel lügen können und es wäre als Insiderwissen im Internet publik gemacht worden. Sehr professionell!

Ruhestörung


Neulich im Nachtdienst. Mein Kollege und ich bekamen einen der üblichen Einsätze wegen ruhestörendem Lärm. Ein Nachbar eines Paares hatte sich beschwert, weil es bei den beiden in der Wohnung hoch hergehen sollte. Es sollten lautes Geschrei und Gepolter aus der Nachbarwohnung dringen.

Als wir im Mehrfamilienhaus ankamen, sprachen wir zunächst mit dem Melder. Unterwegs hatten wir von der Leitstelle einige Infos bekommen. Demnach wohnte dort eine junge Frau, bei der seit Kurzem wieder ihr kürzlich aus der Haft entlassener Lebensgefährte lebte. Zu Ruhestörungen war es wohl schon gekommen, bisher aber nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen.

Während wir so vor der Tür des Nachbarn standen, konnten wir schon hören, weshalb dieser nicht in den Schlaf kam. Nach Angaben des Anrufers, ging das schon so, seit der Lebensgefährte wieder da sei.

Wir bedankten uns bei ihm und baten ihn, in seine Wohnung zu gehen. Wir würden uns schon kümmern.

Als seine Tür geschlossen war, konnten wir auch endlich einige der lauten Gesprächsfetzen verstehen. Das klang nicht gerade nach einer harmonischen Beziehung und war definitiv zu laut.

Also klingelten wir an der Wohnungstür. Daraufhin verstummten erst mal alle Stimmen in der Wohnung. Offenbar sollte hier das alte Spiel „Hier ist gar nichts los, denn wir schlafen schon“ gespielt werden. Dieses beherrschten wir aber genauso. Als keine Reaktion auf unser Klingeln erfolgte, klopften wir etwas vehementer an die Tür, um zu signalisieren: „Wir sind schon im Haus, also tut nicht so, als sei niemand da!“.

Nun kam eine zurückhaltende, männliche Stimme hinter der Tür hervor: „Wer ist denn da?“. Die Antwort folgte umgehend: „Die Polizei! Machen sie bitte mal die Tür auf!“.

Der Unsichtbare antwortete noch etwas leiser als zuvor: „Das kann ich gerade nicht. Moment eben…“.

Schon bei diesen paar Worten, konnte man auf Alkoholgenuss (oder zumindest -konsum) schließen.

Mein Kollege und ich schauten uns fragend an, weil sich uns beiden nicht erschloss, was den Herrn denn bitte am Türöffnen hindern könnte.

Dann hörten wir wieder seine Stimme, diesmal noch leiser, da er sich von der Tür zu entfernen schien: „Äh, kannst du mal eben? Da stehen die Bullen.“. Na toll! Wir hatten uns noch nicht einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden und wurden schon von ihm durch beleidigt!

Unsere Laune wurde dadurch nicht gerade besser. Das passierte erst, als wir die Erwiderung der Dame des Hauses hörten: „Klasse, jetzt steht wegen dir die Polizei vor der Tür! Nur weil du nicht die Fresse halten kannst! Ich hatte noch nie die Polizei da!“. Tja, das stimmte laut unseren Informationen nicht so ganz, war aber egal, denn es ging weiter: „Wo ist der blöde Schlüssel denn jetzt? Die ganze Bude stinkt nach Scheiße, weil du dir in die Hose kacken musstest!“. Inzwischen hatten die beiden zwei prustende Polizeibeamte vor der Tür stehen. Aber die Vorstellung sollte noch weiter gehen: „Nur, weil du nicht leise sein kannst! Ich habe dir tausendmal gesagt, du sollst die Fresse halten, oder gehen!“. Natürlich waren diese Worte allesamt gebrüllt und die kläglichen Erwiderungen des Mannes waren kaum zu hören.

Endlich hörten wir das Geräusch des sich im Schloss drehenden Schlüssels und Sekundenbruchteile später öffnete sich die Tür. Zum Glück hatten wir uns da schon wieder in der Gewalt. Zwei Polizisten mit Lachtränen in den Augen wirken bei polizeilichen Maßnahmen nämlich nicht besonders überzeugend, geschweige denn professionell.

„Guten Abend, die Polizei. Wie wir uns gerade selbst überzeugen konnten ist es hier erheblich zu laut.“, begrüßten wir die Frau, die gar nicht mehr so jung aussah. Sie war gekleidet, als hätten wir gerade bei einer Aktivität gestört, die im krassen Gegensatz zu dem eben gehörten gestanden hätte. Sie hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, ihre Jeans ordnungsgemäß zu verschließen.

Jetzt tauchte auch er auf und hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich noch etwas anzuziehen.

Er betrat den kleinen Wohnungsflur nur mit einer Boxershort eines großen Kaffeerösters bekleidet, von der ich etwas irritiert feststellte, dass ich die gleiche besaß. Während ich nochmalig über meine Unterwäscheauswahl sinnierte, wurden wir herein gebeten.

Wer nun denkt, dass man die Lautstärke wenigstens in unserer Gegenwart etwas gedämpft habe, der irrt. Um sich den Umgangston der „Dame“ vor Augen zu führen, stelle man sich ein AC/DC-Konzert vor und die Versuche, sich direkt vor einer der Boxen stehend mit jemandem in der letzten Reihe unterhalten zu wollen. Nachdem wir der Wohnungsinhaberin klar gemacht hatten, dass wir uns durchaus in der selben Stadt mit ihr befänden, diese Lautstärke also unnötig bis schmerzhaft sei, fragten wir nach dem Grund der Streitigkeiten.

Jetzt muss ich eingestehen, dass wir beim besten Willen nicht wirklich verstanden, warum man sich hier anschrie. Fakt war, dass im Wohnzimmer, das auch das einzige Zimmer darstellte, in einer Ecke eine Matratze lag, die wohl gemeinsam genutzt wurde. Direkt daneben fing plötzlich etwas unter einer Wolldecke an zu knurren. Was genau das war, blieb uns bis heute verborgen, denn es traute sich nicht unter der Decke hervor. Da es aber nicht allzu groß erschien, machten wir uns keine weiteren Sorgen. Ansonsten sah die Wohnung in etwa so aus wie ein durchschnittlicher Altkleidercontainer von innen. Das richtige Wohlfühlgefühl mochte da zumindest bei mir nicht aufkommen und der Blick des Kollegen legte nahe, dass es ihm ähnlich erging. Die Gerüche muss ich nicht extra erwähnen, da sie von ihr ja schon sehr blumig beschrieben worden waren, bevor wir die Wohnung betraten. Wenigstens schien er die Unterhose vor dem Öffnen gewechselt zu haben.

Die beiden überhäuften sich fortwährend mit Vorwürfen und Beschuldigungen, sodass wir, um die Lage zu entschärfen, zunächst nach den Ausweisen fragten. Damit hatten wir aber in das nächste Wespennest gestochen! Während sie sofort mit dem geforderten Dokument aufwartete, konnte er sein Portemonnaie nicht finden und forderte sie nun auf, ihm doch behilflich zu sein. Dies wies die Frau aber strikt zurück, denn sie könne ja schließlich nicht wissen, wo er seine Sachen habe. Auf unseren Hinweis hin, die Wohnung sei ja schließlich nicht so groß, begann er missmutig mit der Suche nach seiner Hose. Da wie erwähnt in der ganzen Wohnung Kleidungsstücke verstreut lagen, gestaltete sich dieses Unterfangen aber zumindest für ihn im deutlich angetrunkenem Zustand recht schwierig. Immer wieder bat er sie hilfesuchend um Unterstützung, die ihm aber weiter verwehrt blieb. Dabei beteuerte er immer wieder, dass er nur seinen Rausch ausschlafen wolle und an einer Fortführung der Auseinandersetzung nicht interessiert sei. Als er endlich die besagte Hose fand, auf die ich ihn schon dreimal hingewiesen hatte, erwies sie sich nicht als das Behältnis seiner Geldbörse. Das brachte ihn nun vollends aus dem Konzept.

Weder mein Kollege noch ich wollten hier die ganze Nacht verbringen, sodass ich behandschuht in die Suche mit einstieg. Ein Blick auf den Wohnzimmertisch offenbarte das gesuchte Stück, was ihn zu der Überlegung anregte, wie es denn da hingekommen sei. Das war uns gelinde gesagt schnurz, denn wir konnten endlich die Personalien überprüfen. Wir hatten sowieso schon viel mehr in der winzigen Wohnung zu sehen bekommen, als uns lieb war.

Nachdem die Überprüfung nichts Neues ergab, ermahnten wir erneut zur Ruhe und sagten unser Sprüchlein auf, dass wir, wenn wir noch einmal erscheinen müssten, eine Anzeige fertigen würden.

Die Frau entgegnete daraufhin nur: „Dann nehmen sie den da mit! Ich will den eh nicht hier haben!“. Ah ja! Deshalb hauste man hier auch gemeinsam in diesem Wohnklo und teilte sich eine Matratze!

Beim Verlassen der Wohnung hörten wir noch, während wir die Tür hinter uns schlossen: „Du scheißt dir in die Hose und ich muss das ausbaden!“. Dieser Ausspruch verbunden mit dem ausgelösten Kopfkino ließ uns erneut die Tränen vor Lachen in die Augen schießen. Ein herziges Paar hatten wir da kennengelernt! Aber es war halt Vollmond.

British Connection


Ich muss es wahrscheinlich gar nicht mehr erwähnen, aber neulich im Nachtdienst…!

Eigentlich war es eine einigermaßen ruhige Nacht. Es war ein Wochentag und selbst im studentenverseuchten Münster gibt es Nächte, in denen nicht nur Party angesagt ist.

Meine Kollegin und ich bekamen einen Routineauftrag, wie es schien. Wir sollten zu einem Imbiss mit lotrecht gegartem Kalbfleisch fahren, da es dort zu einer Körperverletzung gekommen sein sollte. Die einzige Besonderheit war, dass es sich bei den Tätern um Angehörige der britischen Streitkräfte handeln sollte, die sich inzwischen in das nah gelegene Etablissement verdrückt hätten, das hier in der Stadt als Treffpunkt für britische Soldaten fungiert.

Da es in dieser Nacht wie gesagt einigermaßen ruhig war, fuhren wir direkt mit zwei Streifenwagen zu diesem Einsatz. Wir fuhren zum Tatort und die Kollegen suchten die Kneipe auf, die jedem Schutzmann in Münster nur allzu gut bekannt ist.

Als wir an der Dönerbude ankamen, erwartete uns der Eigentümer schon an der Tür. In etwas hakeligem Deutsch erzählte er uns, dass zwei Briten in seinen Laden gekommen seien und beide etwas zu essen bestellt hätten. Beide hätten sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie an einem der Tische essen, das Essen aber trotzdem traditionell verpackt haben wollten – sprich in Alufolie und Servietten.

Als das Essen fertig war, reichte der Imbissmann es über die Theke. Die beiden Soldaten nahmen es entgegen – und verließen den Laden! Bezahlt hatten sie vorsichtshalber natürlich nicht. Der Dönerbrater war aber schneller, als die beiden erwartet hatten. Pfeilschnell war er hinter seiner Theke hervorgeschossen und den beiden hinterher gelaufen. Diese hatten sich nur wenige Meter vom Laden entfernen können, als der aufgebrachte Geschäftsmann sie erreichte.

Der erzürnte Imbissbudenbesitzer bekam einen der beiden an der Kapuze der Jacke zu fassen. Leider war diese nur mit Druckknöpfen befestigt, sodass er sie plötzlich in der Hand hielt. Etwas verdutzt stand er nun den beiden gegenüber. Der andere Brite fand diesen „Diebstahl“ wohl nicht lustig, denn er versetzte dem Kapuzendieb sofort und ansatzlos einen Kopfstoß ins Gesicht.

Wahrscheinlich wäre die Situation noch übler für den armen Dönermann ausgegangen, wenn ihm nicht der Besitzer eines Nachbarimbisses zur Hilfe gekommen. Dieser hatte den Vorfall beobachtet und war heran gesprintet. Als er den Kopfstoßer von hinten umklammerte, erhielt er von diesem kurzerhand die gleiche Behandlung, nur mit dem Hinterkopf. Selbstverständlich ließ der Helfer den Brutalo daraufhin los und dieser entkam mit seinem Begleiter in Richtung der schon erwähnten Kneipe.

Als der Imbissbudenbesitzer seine Schilderung beendet hatte, erfragten wir eine Personenbeschreibung, um diese den Kollegen am Britentreff durchzugeben. Während der Beschreibung wurden die Augen meiner Kollegin immer größer. Die Beschreibung war so gut, dass sie nach wenigen Nachfragen feststellte, dass sie den Kopfstoßer in einem Taxi an uns hatte vorbeifahren sehen, als wir unseren Streifenwagen verließen!

Das Taxi kam uns aus Richtung der Kneipe entgegen und war in Richtung Innenstadt gefahren.

Nun wurden wir natürlich schnell, denn die Wahrscheinlichkeit, die beiden Täter in der Kneipe anzutreffen, war ja jetzt gleich null! Um sicher zu gehen fuhren wir doch noch zu den Kollegen und schauten in der gänzlich leeren Gaststätte nach. Der Wirt konnte nur sagen, dass die beiden jeder ein Bier getrunken hatten und dann mit einem Taxi in die Innenstadt gefahren seien. Das konnte er so genau sagen, weil die beiden gefragt hatten, wo denn noch etwas los sei.

Wir informierten unsere Leitstelle, die sich mit der Taxizentrale kurzschloss. Wir vier fuhren schon mal in Richtung der wenigen Lokalitäten, die in der Woche nachts geöffnet haben.

Unterwegs erhielten wir die Info von der Leitstelle, dass der Taxifahrer unsere Täter an einem Lokal abgesetzt hatte, das zu unseren Zielen zählte.

Dort wurden wir aber enttäuscht, denn der Türsteher erzählte uns, dass die beiden zwar da gewesen waren, er sie aber aufgrund ihres Alkoholisierungsgrades abgewiesen hatte. Er hatte ihnen noch den Tipp mit auf den Weg gegeben, wo sich in dieser Nacht wohl viele britische Armeeangehörige träfen. Hier sei kurz erwähnt, dass in der Woche zuvor, Kräfte aus Afghanistan wieder in ihre Kasernen nach Münster verlegt worden waren. Bei der britischen Armee ist es wohl Usus, dass die Soldaten danach eine Woche quasi in Quarantäne gehalten werden. Das soll zur Resozialisierung dienen, war aber bei unseren beiden Experten wohl fehlgeschlagen.

Der Abend zuvor war der erste, an dem die Rückkehrer die Kaserne verlassen durften. Das hatte man auch am Einsatzaufkommen bemerkt.

In vielen Lokalen in Münster sind Angehörige des britischen Militärs aber generell nicht gerne gesehen. So wird ihnen der Zugang bei einigen pauschal verwehrt. Das führt dazu, dass sich die Soldaten dann in den wenigen anderen Kneipen treffen.

Eine dieser Gaststätten war nun unser nächstes Ziel. Allerdings hatten sich nach unserer Fahndung noch mehrere Streifenwagen in den Einsatz eingeklinkt. Unsere Kollegen waren schon fast vor Ort, sodass wir uns damit begnügten, die anderen Lokale in der Innenstadt abzugrasen. Der Türsteher hatte uns noch versprochen, dass er die beiden Täter, falls sie zurückkehren sollten, in das Lokal ließe und sie mit einem Bier ruhigstellen wolle, bis wir einträfen.

Kurze Zeit später waren alle innerstädtischen Lokale abgeklappert – ohne Erfolg. Die Fahndung wurde auf den Rahmen der Streife beschränkt und wir ärgerten uns, dass uns die beiden Briten so knapp durch die Lappen gegangen waren. Besonders meine Kollegin kam gar nicht darüber weg, dass wir ja nur wenige Augenblicke zu spät eingetroffen waren.

Bevor wir uns endgültig aus dem Einsatz statuierten, fasten wir noch einen Entschluss: Wir teilten der Leitstelle mit, dass wir noch die Kaserne anfahren wollten, aus der die Täter wahrscheinlich stammten.

Jetzt gingen die Komplikationen erst richtig los. An der Unterkunftswache erwartete uns der erste Schreck. Ausnahmsweise war kein Dolmetscher im Dienst und kein Wachangehöriger sprach Deutsch! Na Toll!

Meine Kollegin hatte in der Schule nur Russisch gehabt und ich spreche Englisch einfach zu selten, als dass es noch wirklich flüssig über meine Lippen käme. Aber wir gaben alles und gemeinsam machten wir dem Wachoffizier klar, was unser Anliegen war. Er verwies uns an die Royal Military Police (RMP), die ihre Wache auf dem Kasernengelände hat. Dort trafen wir auf einen sehr engagierten, jungen Offizier, der natürlich auch kein Deutsch sprach, uns aber uneingeschränkt helfen wollte.

Er sichtete mit uns die Videos der Überwachungskameras des Vorplatzes. Und richtig: Wir konnten die beiden Täter zweifelsfrei wiedererkennen. Das heißt, meine Kollegin erkannte den einen und ich konnte wenigstens sagen, dass beide zu der Beschreibung passten. Auf dem Video konnten wir sehen, dass beide in ein Taxi gestiegen waren – und zwar wenige Minuten, bevor sie die Tat begangen hatten! Wenigstens waren sie keine Zeitverschwender.

Nachdem wir auch das restliche Videomaterial gesehen hatten, konnten wir sicher sein, dass die beiden noch nicht zurück in der Kaserne waren.

Leider gibt es wohl auch keine Zeit, bis zu der die Soldaten wieder in der Unterkunft zu sein haben. Der Offizier erklärte uns, dass es ausreiche, wenn die Leute pünktlich wieder zum Dienst erschienen. Positiv war aber, dass er den Kopfstoßer erkannt hatte. So hatten wir wenigstens einen Namen. Wir einigten uns darauf, dass man uns verständige, wenn die Täter in die Kaserne zurückkehrten. Außerdem wollte die RMP selber noch in dieser Nacht Streife fahren. Wenn sie während dieser auf unsere Freunde träfen, riefe man uns an.

Da es für uns nun nichts mehr zu tun gab, meldeten wir der Leitstelle unsere Ergebnisse und fuhren zu unserer Wache, um diese zu Papier zu bringen. Doch dazu sollten wir gar nicht mehr kommen. Da noch andere Einsätze uns von der Fahrt zur Wache abgehalten hatten, waren wir kaum dort eingetroffen und hatten die passenden Formulare im PC geöffnet, als auch schon der ersehnte Anruf der RMP unsere Tätigkeit unterbrach.

Die Streife, an der auch der junge Offizier teilnahm, hatte unsere Gesuchten am anderen Ende der Stadt aufgetan. Sie versuchten sie im Auge zu behalten bis wir einträfen. Die beiden seien aber inzwischen mobil geworden, denn einer sitze auf einem Fahrrad, der andere benutze einen Tretroller!

Also warfen wir uns wieder in den Wagen und fuhren zu der beschriebenen Stelle. Da trafen wir aber zunächst erst mal nur Leere an. Weder von unseren Tätern, noch von der RMP war auch nur eine Spur zu entdecken. Sollte sich unsere Hartnäckigkeit wieder nicht auszahlen?

Wir fuhren suchend die Straße auf und ab bis wir in einer Querstraße plötzlich den Transit der RMP entdeckten. Die Militärpolizisten sprangen heraus und machten uns mit internationaler Hand- und Fußsprache klar, dass die beiden verschwunden waren, als wir um die Ecke bogen. Die Täter hatten sich gerade an einem Fahrrad zu schaffen gemacht und die MP’s wollten sie an der nächsten Querstraße abpassen. Dabei hatten sie sie leider kurz aus den Augen verloren, sodass wir jetzt wieder nicht wussten, wohin die Typen verschwunden waren.

Gemeinsam mit den britischen Kollegen durchsuchten wir die Hinterhöfe und Einfahrten, die als Zuflucht in Betracht kamen. Aber auch diese Anstrengung wurde nicht von Erfolg gekrönt.

Inzwischen waren wir schon ca. 3 Stunden – mit kurzen Unterbrechungen – mit diesem Fall beschäftigt und hatten uns schon regelrecht verbissen.

Enttäuscht trennten sich wieder unsere Wege. Meine Kollegin war aber nicht gewillt, jetzt einfach aufzugeben. Sie schlug vor, doch den potentiellen Heimweg der beiden Täter zu überprüfen. Da es ja schon auf den Morgen zuging, war es schon sehr wahrscheinlich, dass die zwei langsam in die Koje wollten. Ich war zwar skeptisch, hatte aber auch keine bessere oder auch nur eine andere Idee.

So kam es, dass wir die beiden Missetäter schließlich doch noch auftaten.

Sie radelten gemütlich, inzwischen beide mit Fahrrädern ausgestattet, friedlich in Schlangenlinien die Straße entlang, an der auch die Kaserne gelegen ist. Keine 2 Kilometer trennten sie von ihren Pritschen und dem Schlaf.

Wir hielten die beiden an, nachdem wir per Funk unseren Standort durchgegeben hatten und ein zweites Fahrzeug anforderten. Sie waren deutlich alkoholisiert, versuchten aber kurz, die Ahnungslosen zu spielen. Nachdem wir ihnen erklärt hatten worum es ging und die Kollegen samt RMP eingetroffen waren, fragten wir nach der Herkunft der Fahrräder. Sie waren deutlich erstaunt darüber, dass wir um ihre Fahrradlosigkeit beim Verlassen der Kaserne wussten. So war die Ausrede doch sehr improvisiert: Der Kopfstoßer hatte das Fahrrad von einem Bekannten und sein Kumpan hatte seines vor eben der Kneipe „gefunden“, die Ausgangspunkt unserer kleinen Schnitzeljagd gewesen war. Dieses „Finden“ sah nach eigenen Angaben so aus, dass er kaum Kraft gebraucht hatte, um das Schloss aufzubrechen. Also konnte man ja nun wirklich nicht von einem schweren Diebstahl sprechen!

Die beiden Fahrräder wurden von uns sichergestellt und von der RMP zu unserer Wache verbracht. Die zwei Übeltäter bekamen ein kostenloses Taxi zum gleichen Ziel, nämlich auf unseren Rücksitzen.

Der Offizier der RMP machte den Eindruck, als seien seine bisherigen Begegnungen mit dem Kopfstoßer derart gestaltet gewesen, dass ihn diese hier nicht verwunderte.

In unserer Wache überredete er die zwei zu einem Alkoholtest. Leider fiel dieser knapp so niedrig aus, dass wir wegen des Radfahrens keine Blutprobe anordnen konnten. Der Raub, ein solcher war die Geschichte mit dem Dönermann nämlich, war schon so lange her, dass wir auch da auf einen Bluttest verzichten mussten. Immerhin ging es um einen Wert von gerade mal 10 Euro!

Nachdem wir festgestellt hatten, dass die Kapuze, die der Imbissbesitzer abgerissen hatte, zu der Jacke des einen passte, leugneten sie auch nicht mehr, in dem Imbiss gewesen zu sein. Ihre Erklärung war allerdings, dass sie nur draußen hatten essen wollen und plötzlich von dem Budenmann angegriffen worden wären. Ja klar, und im Irak gab es Massenvernichtungswaffen!

Also machten wir schnell noch ein paar Fotos von den Probanden und entließen sie dann in die Obhut der RMP.

Britische Armeeangehörige fallen nicht unter unsere Gerichtsbarkeit. Sie unterstehen dem Militärrecht des Empire. Wir hatten also eine Anzeige zu schreiben, die komplett in der Ich-Form verfasst war, da dies zwingend für das Militärverfahren erforderlich ist. Diese musste auch noch schnellst möglich an die RMP weitergeleitet werden, da diese auch eine eigene Kripo hat, die in solchen Fällen ermittelt. Die Ich-Form ist notwendig, damit wir deutschen Polizeibeamte nicht zu den Gerichtsverhandlungen erscheinen müssen. Die Anzeige gilt dann quasi als eidesstattliche Erklärung.

Die Kollegin freute sich derart über den Erfolg, dass sie sich freiwillig bereiterklärte, diese unliebsame Aufgabe zu übernehmen. Ohne ihren verbissenen Spürsinn, wären uns die beiden Täter zumindest für diese Nacht durch die Lappen gegangen.

Dieser Fall ist ein schönes Beispiel dafür, dass man durch Hartnäckigkeit und gute Zusammenarbeit zum Erfolg kommen kann und dem Sachbearbeiter bei der Kripo so ganz viel Stress erspart.

Die Zusammenarbeit mit der RMP hat auch ohne Dolmetscher selten so gut geklappt. Danke an die britischen Kollegen. Man hat gemerkt, dass ihr Spaß an der Arbeit hattet!

War es das wert?


Neulich im – JAAA! Da wahr er wieder – Nachtdienst. Eigentlich war es ein recht ruhiger Dienst, dafür dass es eine Mittwochnacht war. Leider findet sich immer jemand, der einem die Ruhe nicht gönnt.

Mein Kollege und ich hatten gerade einen wenig spektakulären Einsatz in einer örtlichen Diskothek abgeschlossen, als uns das Schicksal genau so einen Zeitgenossen über den Weg schickte.
Als wir besagte Disko verließen, sprach uns direkt ein Mitarbeiter der Security an, dem die Kontrollen am Eingang oblagen. Er machte uns auf einen jungen Mann aufmerksam, den er zuvor an der Tür abgewiesen hatte und der nun das Gelände nicht nur nicht verlassen wollte, sondern auch sowohl Personal als auch Gäste anpöbelte und belästigte. Man habe den Störenfried mehrfach zum Gehen aufgefordert, doch schien er da beratungsresistent zu sein.
Also spulte ich mental meine Platzverweisvarianten ab und entschied mich für die absolut korrekte und höfliche Version.
Ich sprach den zukünftigen Platzverwiesenen also an, stellte mich vor, entrichtete den Tagesgruß und teilte ihm unsere Maßnahme und den Grund dafür mit. Der Kerl schaute mich einen Moment etwas dümmlich an, um dann mit den üblichen Erklärungen zu beginnen: „Ich hatte schon eine Karte, die hat mich sechs Euro gekostet! Und dann kommt da dieser Türsteher und zerreißt meine Karte und sagt, dass ich nicht reinkomme. Das geht doch nicht!“. Ich erklärte ihm, dass er mit dem Erwerb der Karte die AGB des Lokals anerkannt habe und deshalb natürlich jederzeit des Hauses verwiesen werden dürfe, wenn sein Verhalten dem Personal nicht angemessen erscheinen würde. Außerdem wies ich ihn darauf hin, dass es sich um einen zivilrechtlichen Streit handele, den er natürlich von einem Gericht klären lassen könne. Dies ändere aber nichts an unsere Maßnahme, dem Platzverweis.
Bis hierher hatte ich den Eindruck gehabt, mich mit einer vernunftbegabten Kreatur unterhalten zu haben. Dieser Eindruck täuschte aber ganz offensichtlich, denn er erwiderte: „Also sehe ich das richtig, dass man heute als Staatsdiener nur noch einen IQ von unter hundert haben muss?“. Bevor mein Kragen Gelegenheit gehabt hatte vollends zu platzen, sprang mein Kollege in die Bresche und teilte dem Kerl mit: „So, jetzt ist Ende Diskussion! Verschwinde jetzt hier!“, sagte es und schob den Störer auch schon vor sich her. Das nahm dieser zum Anlass, um nun endgültig ausfallend zu werden: „Ey, dass ist ein tätlicher Angriff auf einen Bürger! Ich bezahle euch schließlich. Sucht euch doch mal einen richtigen Job. In der freien Wirtschaft würdet ihr doch…“, und in dieser Tour ging es weiter, während mein Kollege ihn über die Straße schob und ich „sichernd“ hinterher dackelte. Als Herr Unhöflich merkte, dass wir auf seine Provokationen nicht wie gewünscht reagierten, packte er die unterste Schublade aus: „Ihr Wichser! Ihr faulen Beamten, deren Pension wir alle zahlen müssen!“. Die Umherstehenden drehten sich zu uns um und die Hälse wurden immer länger. Wir hatten uns aber längst entschieden, diese Situation nicht eskalieren zu lassen. Als schoben wir den Typen so weit vor uns her, dass er deutlich das Gelände der Diskothek verlassen hatte. Der Kollege wurde nun noch deutlicher: „Wenn du jetzt noch eine Beleidigung kommen lässt, oder dich wieder hier bei der Disko blicken lässt, verbringst du die Nacht bei uns in der Zelle! Ist das klar?“. Der Angesprochene grinste nur und nickte. Dann drehte er sich um und ging in die andere Richtung, nicht ohne noch ein paar Verhöhnungen vor sich hin zu brabbeln: „Ihr seid so lächerlich…“.

Wir bestiegen unseren Streifenwagen und fuhren zu unserer nahegelegenen Wache. Dort sollten wir aber nicht viel Zeit verbringen, denn kurz nach unserem Eintreffen dort klingelte das Telefon. Die Security der Diskothek meldete, dass der Kerl wieder aufgetaucht sei und munter mit seinen Provokationen weiter mache.
Etwas missmutig bestiegen wir also erneut unser Auto und fuhren wieder zum Ort des Geschehens. Schon als wir ankamen, kam ein Verantwortlicher der Disko auf uns zu und sagte: „Wir haben drinnen noch eine Körperverletzung unter zwei Gästen. Die Leitstelle sagte mir, ich solle euch direkt ansprechen.“. Wir hatten aber inzwischen schon unseren „Freund“ von vorhin entdeckt und antworteten: „Wir müssen uns aber erst um diesen Experten da kümmern.“. Der Störenfried stand nun mit einigen anderen, ihm offensichtlich bekannten Personen, auf dem Vorplatz in unmittelbarer Nähe des Ausgangs.
Wir näherten uns ihm und der Kollege sprach ihn direkt an: „Ich möchte jetzt deinen Ausweis sehen!“. Das „Du“ schien nach den vorangegangenen Beschimpfungen nur angemessen. Der Platzverwiesene starrte den Kollegen nur ohne Reaktion an. Daraufhin wiederholte der leicht genervte Polizist seine Aufforderung. Auch diesmal wurde er enttäuscht und erntete nur stures Starren. Jetzt war unsere Geduld endgültig überstrapaziert. Mein Spannmann hob die Hand und begann mit dem Daumen: „Drei, zwei, eins…“, „Meins“ ergänzte der Kerl, worauf mein Kollege ihn am Arm fasste und ihm die Ingewahrsamnahme offenbarte. Noch bevor mein Streifenführer den Kandidaten zum Auto dirigieren konnte, fing dieser plötzlich an sich loszureißen, machte auf dem Absatz kehrt und versuchte wild um sich schlagend in die andere Richtung zu flüchten. Allerdings hatte er nicht mit der Erfahrung und dem Reaktionsvermögen meines Kollegen gerechnet. Dieser packte sich nämlich blitzschnell seinen Kopf und versuchte ihn so zu Boden zu bringen. Leider musste er dabei immer wieder den Tritten und Schlägen des Festgenommenen ausweichen, was zur Folge hatte, dass dieser nicht sauber auf dem Bauch landete, sondern etwas seitlich auf seinem linken Arm. Ich packte mir seinen rechten Arm, nahm von meinem Kollegen die Handfessel entgegen und legte diese an. Da der linke Arm aber unter dem Körper verborgen war, blieb die Fesselung zunächst unvollständig. Als wir dem am Boden Liegenden etwas Raum gaben, damit wir an seinen anderen Arm heran kommen konnten, nutze dieser die neu gewonnene Bewegungsfreiheit, um sich aufzurappeln und erneut um sich zu schlagen.
Da ich aber immer noch seinen rechten Arm festhielt, konnten wir ihn an eine Wand drängen und die Fesselung vollenden.
Unter weiteren Beschimpfungen und Beleidigungen führten wir unseren Gefangenen nun zum Auto.
Diese Hasstiraden hörten auch auf der Fahrt zum Gewahrsam nicht auf. Außerdem mussten wir die üblichen Drohungen mit der Beendigung unserer Karrieren über uns ergehen lassen.
Je näher wir dem Gewahrsam kamen, desto ruhiger wurde der Störenfried dann aber doch. Nun wollte er gerne mit seinem Papa telefonieren. Wir wiesen ihn darauf hin, dass er dies natürlich dürfe, dies aber in Anbetracht seiner Fesselung wohl etwas schwierig werden dürfte und er deshalb wohl bis zu unserer Ankunft warten müsse.
Im Gewahrsam mussten wir ihm natürlich noch Sinn und Zweck seiner körperlichen Durchsuchung erklären, bevor er diese widerwillig über sich ergehen ließ. Dann gestatteten wir ihm sein Telefonat mit seinem Vater, der in einer etwa zwei Autostunden entfernten Stadt lebte. Inzwischen waren alle Dämme gebrochen und er wimmerte schon fast seinem Vater die Tatsache vor, dass er im Polizeigewahrsam sitzt. Natürlich wiegelte er dabei seine Handlungen nach Kräften ab. Sein Vater schien aber seinem Sohn nicht alles unreflektiert zu glauben und verlangte mit einem von uns zu sprechen. Mein Streifenführer übernahm das Handy und schilderte kurz und knapp die Geschehnisse. Dabei erwähnte er auch, dass Sohnemann noch eine Blutprobe wegen des Widerstandes über sich ergehen lassen müsse und dann bis zur Schließung der Diskothek in einer Zelle untergebracht werde. Papa war so besorgt, dass er tatsächlich die lange, nächtliche Reise auf sich nehmen wollte, um seinem Sohn die Nacht in der Zelle zu ersparen. Wenigstens der Vater schien in Ordnung zu sein.

Unser Proband wurde durch den diensthabenden Druiden zur Ader gelassen und konnte sich dann bis zur Ankunft seines Erzeugers in einer unserer Zellen erholen.

Unrechtsbewusstsein war die ganze Zeit über Fehlanzeige bei ihm. Auch dass der Kollege sich bei der ganzen Aktion leicht verletzt hatte, schien ihn in keiner Weise zu bekümmern.

Als wir seine persönlichen Sachen asservierten, wollte er uns noch großzügig sein gesamtes Bargeld von über 40 Euro schenken. Also schien ihm Geld nicht wichtig zu sein. Schlimm genug, dass es ihm sechs Euro dann doch wert waren, die Verletzung von Polizeibeamten in Kauf zu nehmen.

Wir haben das Geld übrigens dankend abgelehnt – Nicht dass hier noch ein falscher Eindruck entsteht!