Die Wirrungen des Lebens


Neulich, nach dem Einsatz mit dem beißenden Hund, nahm ich mit meinem Kollegen einen Verkehrsunfall auf. Die Sachlage erschien uns beiden recht klar. Der von uns bestimmte Unfallverursacher sah das aber ganz anders.
Er war der Meinung, dass der Fahrer des von ihm beim Spurwechsel beschädigten Fahrzeuges doch ganz sicher zu schnell gewesen sei. Ich fragte ihn daraufhin, wie wir das denn im Nachhinein noch feststellen sollten? Außerdem ist für uns nunmal der Verstoß ausschlaggebend, der für den Unfall ursächlich war. Wäre er seiner Sorgfaltspflicht beim Fahrspurwechsel nachgekommen, hätte das schädigende Ereignis verhindert werden können.
Der etwas verwirrt wirkende Unfallpilot konterte: „Ich konnte den aber gar nicht sehen, er war im toten Winkel!“. Meine Frage darauf kam wie aus der Dienstpistole: „Haben sie schonmal etwas vom Schulterblick gehört?“. Nach einer sehr kurzen, betretenen Pause antwortete der Herr: “ Den kann ich ja nicht machen, weil ich dann nicht mehr sehe, was vor mir passiert.“. Diese Antwort überraschte den Kollegen und mich dann doch. Sollte der Gesetzgeber tatsächlich diese Gefährdung durch seine Vorschrift übersehen haben? War die Straßenverkehrsordnung gar eine Straßenverkehrsunordnung? Ääääh, nein!
Dazu kam noch, dass die Zeugenaussagen des Unfallgegners und dessen Beifahrerin etwas ganz anderes nahelegten. Beide sagten nämlich aus, dass sie das Unheil hatten nahen sehen, weil der Bruchpilot ganz gemächlich auf ihre Spur gezogen war. Es gab nur eine fifty-fifty Chance: Vollbremsung oder Gas geben. Der Fahrer hatte letztere gewählt und war enttäuscht worden.
Diese Aussagen wurden durch die Unfallspuren an den Fahrzeugen noch untermauert. Der Verursacher hatte den Schaden vorne rechts, der Geschädigte hinten links. Also war der andere schon fast am Träumer vorbei gewesen, als dieser die beiden PKW kaltverformte. Nix mit totem Winkel, es sei denn, der Herr hatte mit dem Rücken zum Lenkrad gesessen! Das traute ich wiederum nichtmal diesem Verkehrsteilnehmer zu.
Alle Argumente brachten den Unfallfahrer dazu, das Verwarnungsgeld nicht anzunehmen und uns die Mühe einer Verkehrsunfallanzeige aufzubürden. Wir zogen uns also mit den Papieren in unseren Streifenwagen zurück, um den unnötigen Schriftkram zu erledigen.
Nachdem wir ordnungsgemäß die Unfallmitteilungen ausgefüllt hatten, machte ich noch ein paar Kreuze auf dem Erhebungsbogen und mein Kollege stieg aus, um den Beteiligten ihre Papiere nebst Mitteilungen auszuhändigen und den weiteren Verlauf der Sache zu erklären. Er wechselte noch kurz ein paar Worte mit den Beteiligten, die dann auch ihre Wagen bestiegen und zumindest das Pärchen fuhr auch sogleich davon. Der Stuntfahrer werkelte noch mit seiner Brieftasche an der geöffneten Fahrertür seines Autos herum, während der Kollege zu mir in den Funkstreifenwagen einstieg und ich den Wagen wendete. Als wir gerade auf die Unfallstraße einbiegen wollten, kam der Herr wild gestikulierend hinter uns her. Trotzdem ein pünktlicher Feierabend schon unmöglich geworden war, stieg der Kollege nochmals aus und fragte nach seinem Begehr.
Der Mann vermisste seinen Personalausweis und unterstellte uns unterschwellig, dass wir diesen einbehalten hätten. Mein Spannmann erklärte ihm, dass dies nicht so sei, da alle Papiere vom Armaturenbrett des Streifenwagens verschwunden seien, wo sie während der Unfallaufnahme gelegen hatten. Das überzeugte den Herrn aber nicht. Er durchsuchte nochmals seine Brieftasche, sämtliche Taschen seiner Kleidung, sein Auto und mit dem Kollegen zusammen den Boden des Umfeldes. Fehlanzeige! Ich sah indessen in unserem Auto nach, ob der Ausweis vielleicht zwischen die Sitze gerutscht war. Mein Partner war sogar noch so freundlich und rief den anderen Beteiligten auf dem Handy an, ob dieser versehentlich den Ausweis ausgehändigt bekommen hatte. Dem war aber nicht so.
Hilflos stand der Unfallfahrer neben unserem Wagen und fragte, was er denn nun machen sollte. Wir erklärten ihm, dass wir ihn informieren würden, falls der Ausweis doch noch auftauchen sollte. Seine Erwiderung war nur: “ Dann muss ich den jetzt auch noch neu beantragen, oder was?“. Da unsere Geduld bereits am Ende war, verabschiedeten wir uns und fuhren zur Wache.
Natürlich musste ich einen Zug später nach Hause nehmen. Als ich am Heimatbahnhof ankam, stellte ich zu allem Überfluss noch fest, dass irgend ein Vandale meinen Fahrradscheinwerfer als Ziel seiner Aggressionen erwählt hatte. Dieser war abgebrochen und fehlte gänzlich! Dankeschön! Da ich meine Uniform trug und mir meiner Vorbildfunktion stets bewusst bin, schob ich mein ramponiertes Fahrrad den ganzen Weg nach Hause. Ein toller Abschluss für einen ereignisreichen Tag.

P.S. Der Ausweisverlierer rief am nächsten Tag auf der Wache an und teilte dem Kollegen verschämt mit, dass er seinen Perso zwischen den Sitzen gefunden habe. Also war die ganze Verzögerung nur darauf zurückzuführen, das er es geschafft hatte, innerhalb weniger Augenblicke zu vergessen, wo er das Ding denn gelassen, geschweige denn, dass er es überhaupt wieder in der Hand gehabt hatte. Herzlichen Glückwunsch! So jemand darf in Deutschland Auto fahren.

Ein Kommentar zu „Die Wirrungen des Lebens

  1. Hallöchen :O)

    Wow – das finde ich persönlich klasse, in dem Frust noch an die Vorbildfunktion zu denken und das Rad zu schieben – Hochachtung. Das gefällt mir und entspricht meinem persönlichen Bild eines Poliziten.

    nen lieben Gruß

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