Hundstage


Heute will ich von einem Erlebnis berichten, das brandaktuell, weil heute geschehen, ist.
Mein Kollege und ich hatten schon ein paar Stunden Spätdienst hinter uns, als uns ein äußerst unangenehmer Einsatz ereilte.
Ein Hund hatte einen Menschen angefallen und verletzt. Diese Meldung war bei unserer Leitstelle von der Feuerwehr eingegangen. Ein Rettungswagen war schon vor Ort und hatte noch einen Notarzt nachgefordert. Das hieß für uns, dass die Person wohl erheblich verletzt sein musste.
Mit Musik und Lichtshow fuhren wir zu der angegeben Adresse, da nicht bekannt war, wo der Hund verblieben war.
Als wir in die betreffende Straße einbogen, sahen wir schon den Rettungswagen und eine kleine Menschentraube, die um eine am Boden liegende Person herum hockte.
Bei der Person handelte es sich um eine ältere Frau, die offensichtlich schwer am Kopf verletzt war. Auch die erhebliche Menge Blut auf dem Boden, ließ darauf schließen.
Sofort erhob sich eine der am Boden knienden Frauen und kam auf mich zu. Ihre ersten Worte mir gegenüber waren nur: „Nehmen sie diesen Hund mit! Jetzt reicht es!“. Darauf wusste ich zunächst nichts geistreiches zu erwidern, da ich ja mit dem Sachverhalt noch gar nicht vertraut war. Ehrlich gesagt hatten mein Kollege und ich uns schon während der Anfahrt Gedanken gemacht, wer den Hund nötigenfalls erschießen würde. Die Wahl war auf mich gefallen, aber ich konnte weit und breit keinen Vierbeiner entdecken.
Ich fragte deshalb: „Wo ist der Hund denn jetzt?“. Die Frau, die sich als Nachbarin sowohl der Hundehalterin als auch des Opfers herausstellte, antwortete: „Der ist wieder im Haus! Aber sowas ist ja jetzt nicht zum ersten Mal passiert!“.
Der armen Frau am Boden konnte man indessen die Schmerzen ansehen. Erst als der Notarzt ihr Medikamente verabreichte, entspannte sie sichtlich. Damit schied sie aber auch für uns als Zeugin aus.
Wir bekamen dann recht schnell heraus, dass die Hundehalterin ebenfalls bei der kleinen Gruppe der Erstversorger hockte. Da sie selbst Ärztin war, hatte sie die Sofortmaßnahmen eingeleitet. Jetzt hatten aber die Rettungskräfte übernommen, sodass wir mit ihr sprechen konnten.
Ihre ersten Worte uns gegenüber waren: “ Nehmen sie den Hund bloß mit!“. Hm, kam mir irgendwie bekannt vor. Aber wenn selbst die Besitzerin den Hund hier nicht haben wollte, warum war er denn dann immer noch hier?
Wir erfuhren, dass die unfreiwillige Besitzerin der „Bestie“ mit ihrer Tochter nach Hause gekommen war. Sie hatte als Erste das Haus betreten, gefolgt von ihrer Tochter. Diesen Moment hatte der zweite Hund der Familie dazu genutzt, an der Tochter vorbei ins Freie zu springen und bellend an der Grundstücksgrenze, die nicht umzäunt war, stehen zu bleiben. Die Tochter drehte sich um, rief nach dem Hund und konnte nicht verhindern, dass nun auch noch der andere Hund entwich.
Auf der anderen Straßenseite unterhielt sich das Opfer gerade mit einer Nachbarin. Vor Schreck erstarrt konnten die beiden Frauen nur mit ansehen, wie der Hund direkt auf die Geschädigte zulief und sie ohne Provokation anfiel. Da es sich um einen dreijährigen Boxermischling handelte, prallte er mit solcher Wucht auf sein lebendes Ziel, dass dieses sofort umfiel. In dieser Position hatte die Frau keine Chance, sich zu wehren oder gar zu fliehen. Der Hund verbiss sich sofort in der rechten Kopfhälfte seines Opfers. Nur das beherzte Eingreifen der Besitzerin und ihrer Tochter verhinderten noch schwerere Verletzungen. Der Hund wurde ins Haus gesperrt und die Erstversorgung des Opfers gesichert.
So weit, so schlecht. Die einzige Zeugin, die alte Dame mit der sich das Opfer unterhalten hatte, bestätigte im Wesentlichen diese Geschichte.
Nun hatten aber die herbeigeeilten Nachbarinnen noch mehr Details für uns parat. Bello war nämlich nicht aus heiterem Himmel ausgerastet, sondern war schon vorher sehr negativ in Erscheinung getreten. Seit zwei Jahren kämpfte wohl schon die gesamte Nachbarschaft darum, dass er diese verlassen sollte. Er hatte schon ein kleines Mädchen verletzt und einem Mann den Jackenärmel zerrissen. Ein Telefonat mit unserer Leitstelle belegte diese Informationen, weil in beiden Fällen eine Anzeige erstattet worden war. Die aufgebrachten Damen wussten zu berichten, das der Hund wohl schon zum Berserker wurde, sobald jemand auf dem Gehweg an dem Haus vorbei ging. Derjenige bekam dann wohl auch unaufgefordert das imposante Gebiss des Hundes zu sehen unter Begleitung von wütendem Gebell. Der Hund sprang dann nämlich jedesmal ans Fenster und erging sich in Drohgebaren.
Auf unsere Frage hin, warum das Ordnungsamt denn nichts unternommen habe, antworteten die Frauen: „Man hat uns gesagt, wir sollen uns melden, wenn wieder etwas passiert.“. Na danke! Wieder einmal musste etwas so Grausames passieren, bevor die zuständigen Stellen aus den Puschen kommen!
Das schwer verletzte Opfer war indessen in die Uniklinik gebracht worden, da es dort sowohl Gesichtschirurgen als auch Neurologen gibt, die bei derartigen Verletzungen wohl dringend geboten waren.
Wenn es nach der Hundebesitzerin gegangen wäre, hätten wir den Hund einfach mitgenommen, oder noch besser an Ort und Stelle erschossen. Letztere Möglichkeit schied aber in Ermangelung einer gegenwärtigen Gefahr komplett aus. Der Hund war ja wieder unter Verschluss und es war einzig und allein an der Besitzerin, dafür zu sorgen, dass das so blieb. Natürlich dachten wir auch nicht im Traum daran, dieses beißwütige Ungeheuer in unserem Streifenwagen zu transportieren. Es gab also nur zwei Möglichkeiten. Entweder brachte Frau Doktor ihr Haustier selbst ins Tierheim, oder wir bestellten die Abfall- und Wirtschaftsbetriebe, die Tiertransporte übernehmen. Die zweite Möglichkeit wäre aber mit Kosten für die Verursacherin des Debakels verbunden gewesen. Das passte der guten Frau aber gar nicht. Beim Tierheim sei sie mit dem Hund aber auch mehrfach gewesen und sei dort immer wieder abgewiesen worden, weil man dort keine unliebsamen Hunde einfach so einschläfere, so lange noch nichts passiert sei. Ob diese Aussage so stimmt, kann ich nicht überprüfen. Ich bezweifle allerdings, dass man im Tierheim keine Tiere annimmt. Natürlich wird dies nicht mit dem Ziel des Tötens geschehen, aber Sinn eines Tierheimes ist schließlich auch nicht die Entsorgung von unbequemen Hausgenossen, sondern deren Schutz.
Also telefonierte ich erneut mit unserer Leitstelle, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ich schlug vor, dass die Hundehalterin den Hund selbst ins Tierheim bringen solle und wir sie begleiten könnten, um die Tierheimangestellten von der Dringlichkeit der Isolierung des Tieres zu überzeugen. Dieser Vorschlag stieß auf Zuspruch, besonders weil durch die Freiwilligkeit vonseiten der Besitzerin eine amtliche Anordnung nicht erforderlich sein würde.
Wir unterbreiteten den Vorschlag der Hundehalterin, die sofort zustimmte. „Ich habe sowieso für morgen einen Termin beim Tierarzt, der den Hund einschläfern sollte. Ich habe ja auch gar keine Zeit für das Tier. Es macht so viel Arbeit.“. Aaah ja, die Arbeit, die der Hund machte, war also schlimmer als sein Aggressivitätsproblem! Das Tier sollte sterben, weil es unbequem und nicht weil es gefährlich war! Eine seltsame Einstellung, die auch nicht von viel Tierliebe zeugte. Bei mir machte sich die Frage breit, was denn der zweite Hund der Familie anstellen musste, um ebenfalls dem Henker ausgeliefert zu werden?
Wie besprochen fuhren wir in getrennten Autos zum nahegelegenen Tierheim. Es gab überhaupt keine Probleme, den Hund dort unterzubringen. Ich bezweifle, dass dies mit unserer Anwesenheit zusammenhing. Während das Tier dem Heim übereignet wurde, stritt Frau Doktor vehement ab, dass es schon vorher Anzeichen dafür gegeben habe, dass ihr Haustier eine tickende Zeitbombe sein könnte. Bei den vorherigen Fällen sei nicht bewiesen worden, dass die Verletzungen des Mädchens durch den Hund verursacht worden seien. Von dem zerrissenen Jackenärmel wollte sie gar überhaupt nichts wissen!
Bello wartet nun auf seine Hinrichtung. Wenn er das wüsste, stellte er sich wahrscheinlich die Frage, ob er mit seinem ehemalige Straßenköterdasein in Griechenland nicht doch besser bedient gewesen wäre? Das war nämlich sein vorheriges Leben gewesen, bevor Frau Doktor ihn „erlöst“ hatte.
Jetzt hatte seine Erlöserin ihren Willen bekommen. Leider liegt deshalb jetzt eine vollkommen unbeteiligte Frau mit schwersten Verletzungen im Krankenhaus. Immerhin bekommen die Hundehalterin und ihre Tochter nun noch mächtig Ärger. Vielleicht ist das Bellos Rache für sein kurzes, unschönes Leben.

Hier die örtliche Berichterstattung:

Münstersche Zeitung, 12.05.2011 (Onlineausgabe)

Westfälische Nachrichten, 12.05.2011 (Onlineausgabe)

Pressemitteilung der Polizei Münster

5 Kommentare zu „Hundstage

  1. Boah, da kriege ich als Hundehalterin echte Aggressionen. Solche Hundehalter versursachen mit das kalte Kotzen. Diese Hundehalterin muss wirklich alles falsch gemacht haben, was man auch nur falsch machen kann, an diesem Hund. Wie kann man sich unbelästigt von jeglicher Ahnung ein Tier kaufen?
    Boxer gehören zu den gutartigsten Rassen überhaupt, sie gelten sogar als Anfängerhund. Diese Hundehalterin (ich spare mir jetzt, wie ich sie wirklich gern titulieren würde, weil ich keine Beleidigungsklage riskieren möchte) hat ganz offenbar weder Ahnung von Hunden, noch den blassesten Schimmer von Hundeerziehung. Ordentlich erzogene Hunde, die wissen, wo ihr Platz im Rudel ist, beißen nicht. Insofern passt die Aussage der „Dame“, dass ihr das alles zu viel Arbeit ist, schon ins Bild, denn Hundeerziehung ist in der Tat Arbeit. Hätte sie sich diese beizeiten gemacht, wäre der Hund auch nicht gefährlich und sie hätte kein „Entsorgungsproblem“.
    Für diesen Hund ist es definitiv zu spät. Ich hoffe nur für weitere Hunde, dass diese „Dame“ in Zukunft auf Goldfische oder noch besser auf Topfpflanzen aus Plastik umsteigt. Die machen nämlich überhaupt keine Arbeit und werden selbst bei massiver Nichtbeachtung nicht bissig.

    Ich bin sehr froh, dass Du den Hund nicht erschießen musstest.

  2. Hallöchen, das weckt gemischte Gefühle.Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass es nicht so einfach gewesen wäre, den Hund ins Tierheim zu bringen ohne „bemützten“ Beistand- ähnliches mußte ich selber bei einem als gefährlich vermutete Fundhund in meinem Privatleben erleben. Wenn es Probleme mit Tieren gibt, möchte am liebsten niemand zuständig sein… altbekanntes Leid.Von Amts wegen ist das Ordnungsamt, eben wie die Polizei auch- auf „Anzeigen“ angewiesen und leider auch auf fundierte Beschwerden. Die Herausgabe einer Sache ( hier Hund) aufgrund eines nicht ausreichend begründeten Verdachtsmomentes funktioniert auch beim Ordnungsamt nicht.
    Meine persönliche Meinung ist, dass wir genug hiesiges Hundeleid haben, um das wir uns kümemrn sollten und ich finde den „Modetrend“ mit den ausländischen Hunden als sehr bedenklich.
    Mein Mitgefühl gilt dem Opfer und dem Hund.

  3. Hallo Kollege!

    Gar nicht schön! 😦 So einen Hund hatten wir letztens auch. Allerdings einen Schäferhund. Der wurde auch direkt einfach ausgesetzt! Wir sahen erst die Aggressivität des Hundes als wir uns ihm näherten um dann mit gezogenen Waffen wieder in Richtung Streifenwagen laaaangsaaam zu gehen! 😉

    Das Schlimme ist eigentlich der Mensch. Hunde werden nicht einfach so aggressiv! Wichtig ist nur, dass solche Hunde von Anfang an in ERFAHRENE Hände kommen oder bei den ersten Anzeichen dann! Ein Freund von mir bekam einen solchen aggressiven Pitbull. Der Kleine ist heute ein Lamm! Es kommt drauf an wie man mit diesen Hunden arbeitet.

    Hoffentlich geht’s der alten Dame bald besser!

    Dir auch weiterhin alles Gute und weniger solche Einsätze!

    Mit kollegialen Grüßen *grins* 😉

    dat Kuhsel

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