Ruhestörung


Neulich im Nachtdienst. Mein Kollege und ich bekamen einen der üblichen Einsätze wegen ruhestörendem Lärm. Ein Nachbar eines Paares hatte sich beschwert, weil es bei den beiden in der Wohnung hoch hergehen sollte. Es sollten lautes Geschrei und Gepolter aus der Nachbarwohnung dringen.

Als wir im Mehrfamilienhaus ankamen, sprachen wir zunächst mit dem Melder. Unterwegs hatten wir von der Leitstelle einige Infos bekommen. Demnach wohnte dort eine junge Frau, bei der seit Kurzem wieder ihr kürzlich aus der Haft entlassener Lebensgefährte lebte. Zu Ruhestörungen war es wohl schon gekommen, bisher aber nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen.

Während wir so vor der Tür des Nachbarn standen, konnten wir schon hören, weshalb dieser nicht in den Schlaf kam. Nach Angaben des Anrufers, ging das schon so, seit der Lebensgefährte wieder da sei.

Wir bedankten uns bei ihm und baten ihn, in seine Wohnung zu gehen. Wir würden uns schon kümmern.

Als seine Tür geschlossen war, konnten wir auch endlich einige der lauten Gesprächsfetzen verstehen. Das klang nicht gerade nach einer harmonischen Beziehung und war definitiv zu laut.

Also klingelten wir an der Wohnungstür. Daraufhin verstummten erst mal alle Stimmen in der Wohnung. Offenbar sollte hier das alte Spiel „Hier ist gar nichts los, denn wir schlafen schon“ gespielt werden. Dieses beherrschten wir aber genauso. Als keine Reaktion auf unser Klingeln erfolgte, klopften wir etwas vehementer an die Tür, um zu signalisieren: „Wir sind schon im Haus, also tut nicht so, als sei niemand da!“.

Nun kam eine zurückhaltende, männliche Stimme hinter der Tür hervor: „Wer ist denn da?“. Die Antwort folgte umgehend: „Die Polizei! Machen sie bitte mal die Tür auf!“.

Der Unsichtbare antwortete noch etwas leiser als zuvor: „Das kann ich gerade nicht. Moment eben…“.

Schon bei diesen paar Worten, konnte man auf Alkoholgenuss (oder zumindest -konsum) schließen.

Mein Kollege und ich schauten uns fragend an, weil sich uns beiden nicht erschloss, was den Herrn denn bitte am Türöffnen hindern könnte.

Dann hörten wir wieder seine Stimme, diesmal noch leiser, da er sich von der Tür zu entfernen schien: „Äh, kannst du mal eben? Da stehen die Bullen.“. Na toll! Wir hatten uns noch nicht einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden und wurden schon von ihm durch beleidigt!

Unsere Laune wurde dadurch nicht gerade besser. Das passierte erst, als wir die Erwiderung der Dame des Hauses hörten: „Klasse, jetzt steht wegen dir die Polizei vor der Tür! Nur weil du nicht die Fresse halten kannst! Ich hatte noch nie die Polizei da!“. Tja, das stimmte laut unseren Informationen nicht so ganz, war aber egal, denn es ging weiter: „Wo ist der blöde Schlüssel denn jetzt? Die ganze Bude stinkt nach Scheiße, weil du dir in die Hose kacken musstest!“. Inzwischen hatten die beiden zwei prustende Polizeibeamte vor der Tür stehen. Aber die Vorstellung sollte noch weiter gehen: „Nur, weil du nicht leise sein kannst! Ich habe dir tausendmal gesagt, du sollst die Fresse halten, oder gehen!“. Natürlich waren diese Worte allesamt gebrüllt und die kläglichen Erwiderungen des Mannes waren kaum zu hören.

Endlich hörten wir das Geräusch des sich im Schloss drehenden Schlüssels und Sekundenbruchteile später öffnete sich die Tür. Zum Glück hatten wir uns da schon wieder in der Gewalt. Zwei Polizisten mit Lachtränen in den Augen wirken bei polizeilichen Maßnahmen nämlich nicht besonders überzeugend, geschweige denn professionell.

„Guten Abend, die Polizei. Wie wir uns gerade selbst überzeugen konnten ist es hier erheblich zu laut.“, begrüßten wir die Frau, die gar nicht mehr so jung aussah. Sie war gekleidet, als hätten wir gerade bei einer Aktivität gestört, die im krassen Gegensatz zu dem eben gehörten gestanden hätte. Sie hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, ihre Jeans ordnungsgemäß zu verschließen.

Jetzt tauchte auch er auf und hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich noch etwas anzuziehen.

Er betrat den kleinen Wohnungsflur nur mit einer Boxershort eines großen Kaffeerösters bekleidet, von der ich etwas irritiert feststellte, dass ich die gleiche besaß. Während ich nochmalig über meine Unterwäscheauswahl sinnierte, wurden wir herein gebeten.

Wer nun denkt, dass man die Lautstärke wenigstens in unserer Gegenwart etwas gedämpft habe, der irrt. Um sich den Umgangston der „Dame“ vor Augen zu führen, stelle man sich ein AC/DC-Konzert vor und die Versuche, sich direkt vor einer der Boxen stehend mit jemandem in der letzten Reihe unterhalten zu wollen. Nachdem wir der Wohnungsinhaberin klar gemacht hatten, dass wir uns durchaus in der selben Stadt mit ihr befänden, diese Lautstärke also unnötig bis schmerzhaft sei, fragten wir nach dem Grund der Streitigkeiten.

Jetzt muss ich eingestehen, dass wir beim besten Willen nicht wirklich verstanden, warum man sich hier anschrie. Fakt war, dass im Wohnzimmer, das auch das einzige Zimmer darstellte, in einer Ecke eine Matratze lag, die wohl gemeinsam genutzt wurde. Direkt daneben fing plötzlich etwas unter einer Wolldecke an zu knurren. Was genau das war, blieb uns bis heute verborgen, denn es traute sich nicht unter der Decke hervor. Da es aber nicht allzu groß erschien, machten wir uns keine weiteren Sorgen. Ansonsten sah die Wohnung in etwa so aus wie ein durchschnittlicher Altkleidercontainer von innen. Das richtige Wohlfühlgefühl mochte da zumindest bei mir nicht aufkommen und der Blick des Kollegen legte nahe, dass es ihm ähnlich erging. Die Gerüche muss ich nicht extra erwähnen, da sie von ihr ja schon sehr blumig beschrieben worden waren, bevor wir die Wohnung betraten. Wenigstens schien er die Unterhose vor dem Öffnen gewechselt zu haben.

Die beiden überhäuften sich fortwährend mit Vorwürfen und Beschuldigungen, sodass wir, um die Lage zu entschärfen, zunächst nach den Ausweisen fragten. Damit hatten wir aber in das nächste Wespennest gestochen! Während sie sofort mit dem geforderten Dokument aufwartete, konnte er sein Portemonnaie nicht finden und forderte sie nun auf, ihm doch behilflich zu sein. Dies wies die Frau aber strikt zurück, denn sie könne ja schließlich nicht wissen, wo er seine Sachen habe. Auf unseren Hinweis hin, die Wohnung sei ja schließlich nicht so groß, begann er missmutig mit der Suche nach seiner Hose. Da wie erwähnt in der ganzen Wohnung Kleidungsstücke verstreut lagen, gestaltete sich dieses Unterfangen aber zumindest für ihn im deutlich angetrunkenem Zustand recht schwierig. Immer wieder bat er sie hilfesuchend um Unterstützung, die ihm aber weiter verwehrt blieb. Dabei beteuerte er immer wieder, dass er nur seinen Rausch ausschlafen wolle und an einer Fortführung der Auseinandersetzung nicht interessiert sei. Als er endlich die besagte Hose fand, auf die ich ihn schon dreimal hingewiesen hatte, erwies sie sich nicht als das Behältnis seiner Geldbörse. Das brachte ihn nun vollends aus dem Konzept.

Weder mein Kollege noch ich wollten hier die ganze Nacht verbringen, sodass ich behandschuht in die Suche mit einstieg. Ein Blick auf den Wohnzimmertisch offenbarte das gesuchte Stück, was ihn zu der Überlegung anregte, wie es denn da hingekommen sei. Das war uns gelinde gesagt schnurz, denn wir konnten endlich die Personalien überprüfen. Wir hatten sowieso schon viel mehr in der winzigen Wohnung zu sehen bekommen, als uns lieb war.

Nachdem die Überprüfung nichts Neues ergab, ermahnten wir erneut zur Ruhe und sagten unser Sprüchlein auf, dass wir, wenn wir noch einmal erscheinen müssten, eine Anzeige fertigen würden.

Die Frau entgegnete daraufhin nur: „Dann nehmen sie den da mit! Ich will den eh nicht hier haben!“. Ah ja! Deshalb hauste man hier auch gemeinsam in diesem Wohnklo und teilte sich eine Matratze!

Beim Verlassen der Wohnung hörten wir noch, während wir die Tür hinter uns schlossen: „Du scheißt dir in die Hose und ich muss das ausbaden!“. Dieser Ausspruch verbunden mit dem ausgelösten Kopfkino ließ uns erneut die Tränen vor Lachen in die Augen schießen. Ein herziges Paar hatten wir da kennengelernt! Aber es war halt Vollmond.

3 Kommentare zu „Ruhestörung

  1. Geschrieben von Steuermann 15 Feb, 2011 12:02:31

    …sehr geil! Wohnklo! Und ich hab noch die Gerüche in der Nase von unserer letzten, ähnlichen Situation. Boah.

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