British Connection


Ich muss es wahrscheinlich gar nicht mehr erwähnen, aber neulich im Nachtdienst…!

Eigentlich war es eine einigermaßen ruhige Nacht. Es war ein Wochentag und selbst im studentenverseuchten Münster gibt es Nächte, in denen nicht nur Party angesagt ist.

Meine Kollegin und ich bekamen einen Routineauftrag, wie es schien. Wir sollten zu einem Imbiss mit lotrecht gegartem Kalbfleisch fahren, da es dort zu einer Körperverletzung gekommen sein sollte. Die einzige Besonderheit war, dass es sich bei den Tätern um Angehörige der britischen Streitkräfte handeln sollte, die sich inzwischen in das nah gelegene Etablissement verdrückt hätten, das hier in der Stadt als Treffpunkt für britische Soldaten fungiert.

Da es in dieser Nacht wie gesagt einigermaßen ruhig war, fuhren wir direkt mit zwei Streifenwagen zu diesem Einsatz. Wir fuhren zum Tatort und die Kollegen suchten die Kneipe auf, die jedem Schutzmann in Münster nur allzu gut bekannt ist.

Als wir an der Dönerbude ankamen, erwartete uns der Eigentümer schon an der Tür. In etwas hakeligem Deutsch erzählte er uns, dass zwei Briten in seinen Laden gekommen seien und beide etwas zu essen bestellt hätten. Beide hätten sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie an einem der Tische essen, das Essen aber trotzdem traditionell verpackt haben wollten – sprich in Alufolie und Servietten.

Als das Essen fertig war, reichte der Imbissmann es über die Theke. Die beiden Soldaten nahmen es entgegen – und verließen den Laden! Bezahlt hatten sie vorsichtshalber natürlich nicht. Der Dönerbrater war aber schneller, als die beiden erwartet hatten. Pfeilschnell war er hinter seiner Theke hervorgeschossen und den beiden hinterher gelaufen. Diese hatten sich nur wenige Meter vom Laden entfernen können, als der aufgebrachte Geschäftsmann sie erreichte.

Der erzürnte Imbissbudenbesitzer bekam einen der beiden an der Kapuze der Jacke zu fassen. Leider war diese nur mit Druckknöpfen befestigt, sodass er sie plötzlich in der Hand hielt. Etwas verdutzt stand er nun den beiden gegenüber. Der andere Brite fand diesen „Diebstahl“ wohl nicht lustig, denn er versetzte dem Kapuzendieb sofort und ansatzlos einen Kopfstoß ins Gesicht.

Wahrscheinlich wäre die Situation noch übler für den armen Dönermann ausgegangen, wenn ihm nicht der Besitzer eines Nachbarimbisses zur Hilfe gekommen. Dieser hatte den Vorfall beobachtet und war heran gesprintet. Als er den Kopfstoßer von hinten umklammerte, erhielt er von diesem kurzerhand die gleiche Behandlung, nur mit dem Hinterkopf. Selbstverständlich ließ der Helfer den Brutalo daraufhin los und dieser entkam mit seinem Begleiter in Richtung der schon erwähnten Kneipe.

Als der Imbissbudenbesitzer seine Schilderung beendet hatte, erfragten wir eine Personenbeschreibung, um diese den Kollegen am Britentreff durchzugeben. Während der Beschreibung wurden die Augen meiner Kollegin immer größer. Die Beschreibung war so gut, dass sie nach wenigen Nachfragen feststellte, dass sie den Kopfstoßer in einem Taxi an uns hatte vorbeifahren sehen, als wir unseren Streifenwagen verließen!

Das Taxi kam uns aus Richtung der Kneipe entgegen und war in Richtung Innenstadt gefahren.

Nun wurden wir natürlich schnell, denn die Wahrscheinlichkeit, die beiden Täter in der Kneipe anzutreffen, war ja jetzt gleich null! Um sicher zu gehen fuhren wir doch noch zu den Kollegen und schauten in der gänzlich leeren Gaststätte nach. Der Wirt konnte nur sagen, dass die beiden jeder ein Bier getrunken hatten und dann mit einem Taxi in die Innenstadt gefahren seien. Das konnte er so genau sagen, weil die beiden gefragt hatten, wo denn noch etwas los sei.

Wir informierten unsere Leitstelle, die sich mit der Taxizentrale kurzschloss. Wir vier fuhren schon mal in Richtung der wenigen Lokalitäten, die in der Woche nachts geöffnet haben.

Unterwegs erhielten wir die Info von der Leitstelle, dass der Taxifahrer unsere Täter an einem Lokal abgesetzt hatte, das zu unseren Zielen zählte.

Dort wurden wir aber enttäuscht, denn der Türsteher erzählte uns, dass die beiden zwar da gewesen waren, er sie aber aufgrund ihres Alkoholisierungsgrades abgewiesen hatte. Er hatte ihnen noch den Tipp mit auf den Weg gegeben, wo sich in dieser Nacht wohl viele britische Armeeangehörige träfen. Hier sei kurz erwähnt, dass in der Woche zuvor, Kräfte aus Afghanistan wieder in ihre Kasernen nach Münster verlegt worden waren. Bei der britischen Armee ist es wohl Usus, dass die Soldaten danach eine Woche quasi in Quarantäne gehalten werden. Das soll zur Resozialisierung dienen, war aber bei unseren beiden Experten wohl fehlgeschlagen.

Der Abend zuvor war der erste, an dem die Rückkehrer die Kaserne verlassen durften. Das hatte man auch am Einsatzaufkommen bemerkt.

In vielen Lokalen in Münster sind Angehörige des britischen Militärs aber generell nicht gerne gesehen. So wird ihnen der Zugang bei einigen pauschal verwehrt. Das führt dazu, dass sich die Soldaten dann in den wenigen anderen Kneipen treffen.

Eine dieser Gaststätten war nun unser nächstes Ziel. Allerdings hatten sich nach unserer Fahndung noch mehrere Streifenwagen in den Einsatz eingeklinkt. Unsere Kollegen waren schon fast vor Ort, sodass wir uns damit begnügten, die anderen Lokale in der Innenstadt abzugrasen. Der Türsteher hatte uns noch versprochen, dass er die beiden Täter, falls sie zurückkehren sollten, in das Lokal ließe und sie mit einem Bier ruhigstellen wolle, bis wir einträfen.

Kurze Zeit später waren alle innerstädtischen Lokale abgeklappert – ohne Erfolg. Die Fahndung wurde auf den Rahmen der Streife beschränkt und wir ärgerten uns, dass uns die beiden Briten so knapp durch die Lappen gegangen waren. Besonders meine Kollegin kam gar nicht darüber weg, dass wir ja nur wenige Augenblicke zu spät eingetroffen waren.

Bevor wir uns endgültig aus dem Einsatz statuierten, fasten wir noch einen Entschluss: Wir teilten der Leitstelle mit, dass wir noch die Kaserne anfahren wollten, aus der die Täter wahrscheinlich stammten.

Jetzt gingen die Komplikationen erst richtig los. An der Unterkunftswache erwartete uns der erste Schreck. Ausnahmsweise war kein Dolmetscher im Dienst und kein Wachangehöriger sprach Deutsch! Na Toll!

Meine Kollegin hatte in der Schule nur Russisch gehabt und ich spreche Englisch einfach zu selten, als dass es noch wirklich flüssig über meine Lippen käme. Aber wir gaben alles und gemeinsam machten wir dem Wachoffizier klar, was unser Anliegen war. Er verwies uns an die Royal Military Police (RMP), die ihre Wache auf dem Kasernengelände hat. Dort trafen wir auf einen sehr engagierten, jungen Offizier, der natürlich auch kein Deutsch sprach, uns aber uneingeschränkt helfen wollte.

Er sichtete mit uns die Videos der Überwachungskameras des Vorplatzes. Und richtig: Wir konnten die beiden Täter zweifelsfrei wiedererkennen. Das heißt, meine Kollegin erkannte den einen und ich konnte wenigstens sagen, dass beide zu der Beschreibung passten. Auf dem Video konnten wir sehen, dass beide in ein Taxi gestiegen waren – und zwar wenige Minuten, bevor sie die Tat begangen hatten! Wenigstens waren sie keine Zeitverschwender.

Nachdem wir auch das restliche Videomaterial gesehen hatten, konnten wir sicher sein, dass die beiden noch nicht zurück in der Kaserne waren.

Leider gibt es wohl auch keine Zeit, bis zu der die Soldaten wieder in der Unterkunft zu sein haben. Der Offizier erklärte uns, dass es ausreiche, wenn die Leute pünktlich wieder zum Dienst erschienen. Positiv war aber, dass er den Kopfstoßer erkannt hatte. So hatten wir wenigstens einen Namen. Wir einigten uns darauf, dass man uns verständige, wenn die Täter in die Kaserne zurückkehrten. Außerdem wollte die RMP selber noch in dieser Nacht Streife fahren. Wenn sie während dieser auf unsere Freunde träfen, riefe man uns an.

Da es für uns nun nichts mehr zu tun gab, meldeten wir der Leitstelle unsere Ergebnisse und fuhren zu unserer Wache, um diese zu Papier zu bringen. Doch dazu sollten wir gar nicht mehr kommen. Da noch andere Einsätze uns von der Fahrt zur Wache abgehalten hatten, waren wir kaum dort eingetroffen und hatten die passenden Formulare im PC geöffnet, als auch schon der ersehnte Anruf der RMP unsere Tätigkeit unterbrach.

Die Streife, an der auch der junge Offizier teilnahm, hatte unsere Gesuchten am anderen Ende der Stadt aufgetan. Sie versuchten sie im Auge zu behalten bis wir einträfen. Die beiden seien aber inzwischen mobil geworden, denn einer sitze auf einem Fahrrad, der andere benutze einen Tretroller!

Also warfen wir uns wieder in den Wagen und fuhren zu der beschriebenen Stelle. Da trafen wir aber zunächst erst mal nur Leere an. Weder von unseren Tätern, noch von der RMP war auch nur eine Spur zu entdecken. Sollte sich unsere Hartnäckigkeit wieder nicht auszahlen?

Wir fuhren suchend die Straße auf und ab bis wir in einer Querstraße plötzlich den Transit der RMP entdeckten. Die Militärpolizisten sprangen heraus und machten uns mit internationaler Hand- und Fußsprache klar, dass die beiden verschwunden waren, als wir um die Ecke bogen. Die Täter hatten sich gerade an einem Fahrrad zu schaffen gemacht und die MP’s wollten sie an der nächsten Querstraße abpassen. Dabei hatten sie sie leider kurz aus den Augen verloren, sodass wir jetzt wieder nicht wussten, wohin die Typen verschwunden waren.

Gemeinsam mit den britischen Kollegen durchsuchten wir die Hinterhöfe und Einfahrten, die als Zuflucht in Betracht kamen. Aber auch diese Anstrengung wurde nicht von Erfolg gekrönt.

Inzwischen waren wir schon ca. 3 Stunden – mit kurzen Unterbrechungen – mit diesem Fall beschäftigt und hatten uns schon regelrecht verbissen.

Enttäuscht trennten sich wieder unsere Wege. Meine Kollegin war aber nicht gewillt, jetzt einfach aufzugeben. Sie schlug vor, doch den potentiellen Heimweg der beiden Täter zu überprüfen. Da es ja schon auf den Morgen zuging, war es schon sehr wahrscheinlich, dass die zwei langsam in die Koje wollten. Ich war zwar skeptisch, hatte aber auch keine bessere oder auch nur eine andere Idee.

So kam es, dass wir die beiden Missetäter schließlich doch noch auftaten.

Sie radelten gemütlich, inzwischen beide mit Fahrrädern ausgestattet, friedlich in Schlangenlinien die Straße entlang, an der auch die Kaserne gelegen ist. Keine 2 Kilometer trennten sie von ihren Pritschen und dem Schlaf.

Wir hielten die beiden an, nachdem wir per Funk unseren Standort durchgegeben hatten und ein zweites Fahrzeug anforderten. Sie waren deutlich alkoholisiert, versuchten aber kurz, die Ahnungslosen zu spielen. Nachdem wir ihnen erklärt hatten worum es ging und die Kollegen samt RMP eingetroffen waren, fragten wir nach der Herkunft der Fahrräder. Sie waren deutlich erstaunt darüber, dass wir um ihre Fahrradlosigkeit beim Verlassen der Kaserne wussten. So war die Ausrede doch sehr improvisiert: Der Kopfstoßer hatte das Fahrrad von einem Bekannten und sein Kumpan hatte seines vor eben der Kneipe „gefunden“, die Ausgangspunkt unserer kleinen Schnitzeljagd gewesen war. Dieses „Finden“ sah nach eigenen Angaben so aus, dass er kaum Kraft gebraucht hatte, um das Schloss aufzubrechen. Also konnte man ja nun wirklich nicht von einem schweren Diebstahl sprechen!

Die beiden Fahrräder wurden von uns sichergestellt und von der RMP zu unserer Wache verbracht. Die zwei Übeltäter bekamen ein kostenloses Taxi zum gleichen Ziel, nämlich auf unseren Rücksitzen.

Der Offizier der RMP machte den Eindruck, als seien seine bisherigen Begegnungen mit dem Kopfstoßer derart gestaltet gewesen, dass ihn diese hier nicht verwunderte.

In unserer Wache überredete er die zwei zu einem Alkoholtest. Leider fiel dieser knapp so niedrig aus, dass wir wegen des Radfahrens keine Blutprobe anordnen konnten. Der Raub, ein solcher war die Geschichte mit dem Dönermann nämlich, war schon so lange her, dass wir auch da auf einen Bluttest verzichten mussten. Immerhin ging es um einen Wert von gerade mal 10 Euro!

Nachdem wir festgestellt hatten, dass die Kapuze, die der Imbissbesitzer abgerissen hatte, zu der Jacke des einen passte, leugneten sie auch nicht mehr, in dem Imbiss gewesen zu sein. Ihre Erklärung war allerdings, dass sie nur draußen hatten essen wollen und plötzlich von dem Budenmann angegriffen worden wären. Ja klar, und im Irak gab es Massenvernichtungswaffen!

Also machten wir schnell noch ein paar Fotos von den Probanden und entließen sie dann in die Obhut der RMP.

Britische Armeeangehörige fallen nicht unter unsere Gerichtsbarkeit. Sie unterstehen dem Militärrecht des Empire. Wir hatten also eine Anzeige zu schreiben, die komplett in der Ich-Form verfasst war, da dies zwingend für das Militärverfahren erforderlich ist. Diese musste auch noch schnellst möglich an die RMP weitergeleitet werden, da diese auch eine eigene Kripo hat, die in solchen Fällen ermittelt. Die Ich-Form ist notwendig, damit wir deutschen Polizeibeamte nicht zu den Gerichtsverhandlungen erscheinen müssen. Die Anzeige gilt dann quasi als eidesstattliche Erklärung.

Die Kollegin freute sich derart über den Erfolg, dass sie sich freiwillig bereiterklärte, diese unliebsame Aufgabe zu übernehmen. Ohne ihren verbissenen Spürsinn, wären uns die beiden Täter zumindest für diese Nacht durch die Lappen gegangen.

Dieser Fall ist ein schönes Beispiel dafür, dass man durch Hartnäckigkeit und gute Zusammenarbeit zum Erfolg kommen kann und dem Sachbearbeiter bei der Kripo so ganz viel Stress erspart.

Die Zusammenarbeit mit der RMP hat auch ohne Dolmetscher selten so gut geklappt. Danke an die britischen Kollegen. Man hat gemerkt, dass ihr Spaß an der Arbeit hattet!

2 Kommentare zu „British Connection

  1. Geschrieben von Thorsten 12 Apr, 2011 06:56:49

    Das britische und das deutsche Strafrecht ähneln sich sehr. Besonders das britische Militärstrafrecht ist noch etwas schärfer, als das zivile. Meines Wissens ist eine Straflosigkeit nicht möglich, da in Fällen, in denen es keinen entsprechenden Paragraphen gibt, dann doch das deutsches Strafrecht greift. Meistens werden britisches Armeeangehörige härter bestraft, als der deutsche Bürger, da sie quasi dem Ansehen der Krone geschadet haben. Das liegt nicht im Interesse der Briten.

  2. Geschrieben von Anonym 09 Apr, 2011 02:35:29

    Das klingt ja nach spannender Verfolgungsjagd.

    Allerdings verwundert es mich, dass die Briten einer anderen Gerichtsbarkeit zugeordnet werden. Wissen Sie da Näheres?
    Was ist zum Beispiel, wenn Angehörige der britischen Streitkräfte in Deutschland ein Gesetz verletzen, dass es in so in in Großbritannien gar nicht gibt? Liefe das nicht auf Straffreiheit hinaus?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s