Hannibal Lector lebt!


Vor einiger Zeit ist mir etwas sehr, sehr Seltsames und Verstörendes passiert.

Ich hatte wiedermal Nachtdienst. Zu allem Überfluss war auch noch Vollmond. Das merkte man auch ohne Blick zum Himmel an den Einsätzen, die wir in dieser Nacht fahren mussten.

Doch dieser eine Einsatz, wäre auch ohne Mond schon schlimm genug gewesen.

Mein Kollege und ich sollten zu einer Kneipe fahren, da dort gerade jemand eine Axt durch die geöffnete Tür in den Schankraum geworfen hatte! Zum Glück war niemand verletzt worden, aber der Schreck war natürlich groß.

Als wir im Streifenwagen an der Örtlichkeit ankamen, sprachen uns direkt ein paar Gäste der Kneipe an, die dem Axtwerfer nach der Tat gefolgt waren.

Weit mussten sie nicht laufen, denn der Unbekannte war drei Häuser weiter in den Hofeingang gelaufen.

Leider konnten die Zeugen nicht sagen, ob der Unhold in das Haus, oder in den Garten gelaufen war. Also Taschenlampen raus und hinein in den dunklen Garten. Die Haustür war nämlich fest verschlossen.

Der Garten war nicht groß und dadurch genauso schnell wie ergebnislos durchsucht. Was mir aber ins Auge stach, war die offene Kellertür, zu der eine Treppe im Garten hinunter führte. Klasse, noch mehr Dunkelheit!

Da das Risiko in einem unbekannten Kellergewölbe um ein Vielfaches höher ist als im Freien, holte mein Kollege sein Pfefferspray hervor, während ich die Dienstwaffe zog. So gewappnet stiegen wir in die Gewölbe hinab.

Ich betone nochmal ausdrücklich, dass das hier keine Fiktion ist! Was jetzt kommt, hat sich tatsächlich so abgespielt!

Der Flur war stockdunkel, aber wir hatten ja beide unsere Lampen. So fanden wir auch schnell den Lichtschalter. Nun war wenigstens der Flur des Kellers beleuchtet. Dieser Keller sah so aus, wie Millionen andere Keller auch. Raue Wände, schmutziger Boden und links und rechts Holztüren, die die einzelnen Kellerräume abtrennten.

Solche Flure sind der Albtraum für jede Zwei-Mann-Durchsuchung. Zu viele Türen, zu viele Möglichkeiten, uns in den Rücken zu fallen. Immerhin hatte dieser Typ gerade eine ausgewachsene Axt, nicht etwa ein kleines Beil, in eine belebte Kneipe geworfen. Da muss man dann mit allem rechnen.

Wir also in oft geübter Art und Weise und ganz auf Eigensicherung bedacht durch den Keller. Die meisten Türen waren verschlossen, was natürlich nicht hieß, dass da niemand hinter lauern konnte.

Langsam arbeiteten wir uns vor, vorbei an Kinderwagen und Fahrrädern.

Am Ende des Flures mündete dieser in einem kleinen Raum, der keine Tür hatte.

Als wir dort ankamen, sahen wir eine Gestalt, die fast verdeckt vom Türrahmen in diesem Raum stand. Ich hielt diese Gestalt zunächst für eine Schaufensterpuppe, weil sie so obskur gekleidet war. Wir konnten nur den linken Arm, die linke Stiefelspitze und die Krempe eines Hutes sehen, aber das reichte! Die Stiefelspitze war Silber beschlagen, der Arm steckte in einem weiten, weißen Ärmel und der Hut war aus einem schwarzen Netzgewebe. Man konnte noch erkennen, dass über dem Hemd noch eine schwarze Lederweste war und das an der Hutkrempe, mittig vor dem Gesicht eine Kette mit diversen Anhängern hing, auch in silberner Optik – versteht sich.

Der linke Arm war bis in Brusthöhe angewinkelt, die Hand in Schaufensterpuppen typischer Haltung, das heißt alle Finger leicht gebeugt, bis auf den Zeigefinger, der eher gestreckt war. Die ganze Pose in totaler Regungslosigkeit erstarrt.

Mein Kollege schaute nochmal genauer hin und flüsterte: „Da ist er doch!“. Ich konnte es immer noch kaum glauben, dass das da ein lebender Mensch sein sollte. Nur wenn man ganz genau hinschaute, konnte man ein schwaches Zittern in der sichtbaren Hand erkennen.

Doch auch diese Erkenntnis, brachte uns nicht viel weiter, denn wir sahen eindeutig zu wenig von dem mutmaßlichen Täter. Der Rest seines Körpers wurde von der Wand verdeckt oder befand sich in der Dunkelheit des Raumes.

Mein Kollege fand in dieser doch einigermaßen unheimlichen Atmosphäre als erster die Sprache wieder. Er forderte die „Puppe“ auf: „Polizei! Kommen sie langsam ins Licht damit ich sie sehen kann! Keine hektischen Bewegungen! Zeigen sie mir beide Hände!“. Null Reaktion! Toll, und nun?

Also nochmals: „Wenn sie sich nicht kooperativ zeigen, werden wir Pfefferspray gegen sie einsetzen!“. Weniger Reaktion ging nicht! Eine letzte Chance: „Wenn sie mir nicht ihre Hände zeigen, damit ich sehe ob sie Waffen darin halten, werde ich Pfefferspray gegen sie einsetzen!“.

Da wir uns ebenso gut wirklich mit einer Schaufensterpuppe hätten unterhalten können, setzte mein Partner die Androhung in die Tat um. Er zielte genau und traf den Kerl an der linken Gesichtshälfte. Ein langer Strahl, dann ein zweiter. Man kann sagen, dass dem Typen die linke Gesichtshälfte komplett geflutet wurde. Und wieder keine Reaktion!!

Ich habe schon oft die Wirkung dieses Zeugs erlebt. Es ist beeindruckend, wie schnell es sogar den härtesten Brocken zu einem heulenden Häufchen Elend macht. Ich wusste auch, dass es Menschen gibt, bei denen es nicht so gut funktioniert. Aber überhaupt keine Regung? Das hatte ich nicht erwartet. Stand da etwa doch eine Puppe? Der Kollege und ich starrten uns verblüfft an. Was jetzt?

Näher herangehen schied aus, da der Kerl ja in der rechten Hand eine Cruise Missile gehabt haben könnte, ohne dass wir sie gesehen hätten!

Während wir noch so taten- und einfallslos herum standen, regte sich der Typ auf einmal doch. Er räusperte sich kurz, wischte sich dann mit der linken Hand durch das Gesicht, da wo das Pfefferspray noch herab lief, und leckte sich diese Hand dann filmreif und genüsslich ab! Und was soll ich euch sagen? Selbst jetzt hüstelt der Kerl noch nicht mal!

Allerdings redet er jetzt: „Pfefferspray wirkt bei mir nicht. Ihr müsst Säure nehmen – Salzsäure!“. Dabei sprach er mit einer einschmeichelden Stimme wie Buffalo Bill, der Serienmörder aus „Das Schweigen der Lämmer“. Hätte nur gefehlt, dass er gerufen hätte: „Es reibt sich die Haut mit der Lotion ein, sonst kriegt sie wieder was mit dem Schlauch!“.

Ich kann nur von dem Gesichtsausdruck des Kollegen ausgehen, aber ich glaube, ihm liefen in diesem Moment genauso Schauer über den Rücken, wie mir.

Aber wo unser Gegenüber schon mal sprach, warum nicht weiter machen?

Wir: „Kommen sie da raus, wir wollen ihre Hände sehen!“.

Er: „Ich habe keine Hände mehr, die habe ich abgehackt.“.

Wir „Dann zeigen sie eben die Stümpfe!“.

Er: „ich bin leer – blutleer!“.

Uns so weiter und so fort. Alles in diesem leisen, ruhigen, leicht schleimigen Ton. Nur bewegen wollte sich der Typ partout nicht mehr, schon gar nicht ins Licht. Verstehe: blutleer hieß wohl, dass es sich hier um einen Vampir handelte. Aber im Keller schien doch gar nicht die Sonne!

Wir berieten uns kurz – der Kollege und ich, nicht der Typ – und kamen zu dem Schluss, dass wir hier einen Diensthund bräuchten. Also zückte ich das Handy und rief die Leitstelle an. Dieser schilderte ich kurz die Situation und erfuhr nach meiner Diensthundanforderung:

„Geht nicht, der ist krank.“,

“Wer, der Hund?“,

„Ne, der Hundeführer!“.

Nun suchte ich nach der versteckten Kamera! Als ich keine fand, forderte ich wenigstens meinen Dienstgruppenleiter an.

Während wir auf diesen warteten, hörten wir uns noch vieles an. Unter anderem: „Ich kann euch Medikamente geben, davon bekommt ihr Analkrämpfe!“. Wir verzichteten dankend, wunderten uns aber doch etwas über seine Fürsorge für uns.

Als der DGL mit seinem Fahrer eintraf, hörte er ungefähr zwei Sätze von dem Typen, bevor er entschied, dass wir einen Hund aus einer anderen Behörde anfordern müssten.

Jetzt sind wir ja keine Unmenschen und haben deshalb dem Täter die Gelegenheit gegeben, doch noch herauszukommen. Ansonsten würden wir einen Hund einsetzen. Das hätten wir mal besser nicht angedroht!

„Ja, holt einen Hund. Ich wollte immer einen Hund. Oder besser einen Wolf, einen weißen Wolf!“.

Als wir ihm mitteilten, dass wir mit überhaupt keinem Wolf, egal welcher Farbe, dienen konnten, schmollte er zur Strafe eine Weile.

Da der Diensthundeführer aus Ahlen im Kreis Warendorf anreisen musste, dauerte es natürlich etwas, bis er eintraf. Uns wurde aber nicht langweilig, denn der Typ unterhielt uns alle glänzend. Immerhin hatte er ja auch neues Publikum bekommen.

Jetzt wurde er geradezu zutraulich, trat auch schon mal aus seiner Deckung hervor, entfernte sich aber nie zu weit von seiner Zuflucht, die wir immer noch nicht einsehen konnten. Einem der neuen Kollegen teilte er mit: „Dies ist das Haus des Pharao’s! Siehst du die Mosaike da im Boden? Die sind ägyptisch!“.

Zu seiner Rechten gab es auch noch eine Tür, die wir nicht hatten kontrollieren können. Dahinter verschwand er gelegentlich mit den Worten: „Hier habe ich meine Werkstatt!“. Schön! Was er da werkelte, wollte niemand von uns so genau wissen.

Allerdings konnten wir ihn uns jetzt etwas genauer ansehen. Beruhigend wirkte das aber auf keinen von uns. An allen Fingern beider Hände trug er mehrere Ringe, oder Gegenstände, die man als solche benutzen konnte. Dort prangten von Totenköpfen bis hin zu Überwurfmuttern alle erdenklichen Dinge. Vor der Brust hatte der Kerl eine Art Handtasche aus Leder hängen, in der ständig seine Hand verschwand. Immer dann griffen alle Polizeibeamten gleichzeitig an die Griffstücke ihrer Pistolen. Jedes mal holte der Typ aber nur Zigaretten oder anderes belangloses Zeug heraus und die Hände sanken wieder herab.

Kurz bevor der Kollege aus Ahlen mit dem Hund die Treppe herab kam, drohten wir erneut dessen Einsatz an. Wie zu erwarten war, kam nur ein: „Ich freue mich auf die Bekanntschaft mit dem Hund! Ich habe mir immer einen gewünscht!“. Dann setzte er sich auf den Boden, blickte in die Runde (Wir hatten uns ja alle ans andere Ende des Flures zurückgezogen) und fragte: „Stört doch niemanden, wenn ich mir jetzt einen runter hole, oder?“. Wie gesagt, dass ist hier nicht meine kranke Phantasie, sondern bittere Realität!

Ich konnte mir aber eine Bemerkung nicht verkneifen: „Mach ruhig, dann kommt der Hund besser dran!“.

Das schien ihn dann doch davon abzuhalten.

Als der Hund da war, besprachen wir kurz den Zugriff (auf den ich hier nicht näher eingehe, wegen der Taktiken und so) und nahmen den Täter endlich fest. Das geschah jetzt erstaunlicherweise ohne Widerstand seinerseits.

Natürlich fanden wir in seinem Versteck keine weiteren Waffen. Trotzdem würde ich immer wieder so reagieren.

Im Polizeigewahrsam fragte er noch ganz unschuldig: „Ist denn jemand verletzt worden?“. Als wir dies verneinten bemerkte er: „Das kann auch gar nicht! Ich beherrsche das, ich bin Magier!“.

Der Magier war eine Woche zuvor aus der Psychiatrie gezaubert worden. Natürlich als therapiert. Allerdings hat dann niemand mehr darauf geachtet, dass er auch seine Pillen schluckt.

An dem Abend war er früher schon in der betreffenden Kneipe gewesen. Da er sich aber da schon sehr unheimlich verhalten hatte, bat man ihn, mit dem Hinweis auf eine geschlossene Gesellschaft, das Lokal zu verlassen. Dem kam er auch nach, sah aber beim Rausgehen an einem Tisch eine Frau sitzen, die nach seinen Angaben „vollgedröhnt“ war. Da muss in seinem Gehirn ein Hebel umgelegt worden sein, denn er dachte sich: „Diese Frau könnte deine sein. Die musst du retten!“.

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob die Holde denn gerettet werden wollte, verschwand er daraufhin in eben jenem Keller (obwohl er nicht in dem dazugehörigen Haus wohnte) und schmiedete zwei Stunden lang Pläne. Am Ende des Denkprozesses kam dann eben dieser Axtwurf heraus, der die Menschen wachrütteln sollte. Zumindest das war ihm ja auch gelungen. In der Kneipe erreichte danach die Stimmung einen neuen Höhepunkt!

Also riefen wir den Einweiser der Feuerwehr und den Arzt, damit der Magier wieder in sein Zauberland gebracht würde. Als beide eintrafen, stellte sich ihr Erscheinen als vergebens (aber natürlich nicht umsonst) heraus. Harry Potter’s Erbe, wollte freiwillig wieder ins Land des Lächelns.

Ich kann hier nicht alles wiedergeben, was der Kerl so von sich gegeben hat. Seit aber versichert, das die ganze Geschichte ganz schön unheimlich war. Besonders die Nummer mit dem Pfefferspray hat uns ganz schön aus dem Konzept gebracht.

Der Hund hatte es dem Magier dann auch wirklich angetan. Er fragte uns doch allen Ernstes, ob er diesen irgendwann mal wiedertreffen dürfe? Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass diese Beziehung nicht auf Gegenseitigkeit beruhen würde.

Solche Leute laufen schon im erzkatholischen, erzkonservativen Münster herum. Wie sieht es da wohl in richtigen Großstädten aus? Ich möchte es besser gar nicht wissen!

4 Kommentare zu „Hannibal Lector lebt!

  1. Geschrieben von Eddi 16 Mär, 2011 04:46:23

    Das ist so ziemlich die beste Story, die ich je in einem Blog gelesen habe.

    Vielen, vielen Dank dafür.

    Eddi

  2. Geschrieben von Thorsten 20 Aug, 2009 02:07:04

    Wer noch weitere Kommentare lesen möchte, kann dies hier tun. Dort haben die Fans von steelcop (http://steel.twoday.net/) meinen dort verlinkten Beitrag kommentiert.

    Viel Spaß dabei

    P.S. Die Seite von steelcop ist übrigens generell sehr lesenswert!

  3. Geschrieben von steelcop 13 Jul, 2009 22:22:29

    Hi, Thorsten.

    01
    Echt spooky der Einsatz. Soooo irre Typen trifft man echt nicht alle Tage.

    02
    Klasse geschrieben, gefällt mir richtig gut.

    03
    Ist es Dir recht, wenn ich in meinem Blog auf diesen Artikel verweise?

    LG,

    Steel

  4. Geschrieben von Gerke Minrath 04 Jul, 2009 08:58:26

    Guten Morgen Thorsten,

    ich habe die Geschichte nun zum zweiten Mal gelesen und mir fehlen immer noch die Worte dazu. Du hast das Ganze sehr launig beschrieben und ich musste mehrfach laut lachen, aber ich hätte keine Sekunde mit Dir tauschen mögen. smiley

    Besonders die Pfefferspray-Geschichte ist wirklich gruselig – ich fühle mit Euch! Vor einigen Jahren habe ich selbst mal Bekanntschaft mit dem Zeug gemacht. Auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Südfrankreich stritten sich plötzlich zwei Männer, einer zog sein Pfefferspray und sprühte es dem anderen voll ins Gesicht. Ich etwa acht Meter entfernt und voll im Wind… es war sehr windig. Beide ergriffen wohl sofort die Flucht, gesehen habe ich das allerdings nicht mehr.

    Tja, da die beiden eh weg waren, konnte dann der nette Mann vom Sicherheitsdienst des Supermarktes an mir Erste Hilfe verrichten. Ich war richtiggehend blind, das Wasser stürzte mir nur so aus den Augen smiley und mein Gesicht fühlte sich an wie Sonnenbrand. Da ich außerdem zwar selbst immer Pfefferspray dabei habe, es aber noch nie ins Gesicht bekommen hatte, wusste ich ja nicht genau, wie lange ich nichts sehen würde… es war schon ein Kampf, ruhig zu bleiben. Der junge Mann hat das aber gut hinbekommen, keine zehn Minuten später war ich wieder fit.

    Unvorstellbar, dass es Leute gibt, die das Zeug aus unmittelbarer Nähe ins Gesicht kriegen und auch noch… abschlecken. *Kopfschüttel*

    Bis bald,

    Gerke

    P.S.: Du schreibst das sehr spannend! smiley

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